Wie sicher sind wir heute?
von belmedia Redaktion #Schweizweit Afrika Allgemein Alltag Amerika Auto Bevölkerungsschutz Cyberkriminalität Cybersecurity digital.ch Europa Kriminalität Magazine Mobilität nachrichtenticker.ch News Regionen Schweiz Schweiz Sicherheit sicherheit.ch Smartphones Städte Technik Themen Verkehr Wirtschaftskriminalität Ⳇ Sonstige Kategorien Ⳇ Verbreitung
Die Schweiz gilt als eines der sichersten Länder der Welt. Im Alltag schützen uns heute bessere Fahrzeuge, ausgebaute Rettungssysteme, strengere technische Standards, moderne Polizeiarbeit und eine Infrastruktur, die Risiken früh erkennen und begrenzen soll. Gleichzeitig hat sich die Bedrohungslage verschoben: Betrug findet über Smartphones statt, Cyberangriffe treffen Unternehmen und kritische Infrastrukturen, Extremereignisse können ganze Versorgungsketten belasten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir heute sicherer leben als früher. In vielen Bereichen tun wir das eindeutig. Entscheidend ist vielmehr, was Sicherheit im Jahr 2026 überhaupt noch bedeutet – und weshalb vollständige Sicherheit trotz aller Fortschritte eine Illusion bleibt.
Sicherheit lässt sich nicht auf Kriminalität reduzieren. Sie beginnt beim Weg zur Arbeit, reicht über das Auto und die Wohnung bis zu Bankkonto, Smartphone, Stromversorgung, Kommunikation und medizinischer Hilfe. Ein Mensch kann sich in einer ruhigen Strasse vollkommen sicher fühlen und gleichzeitig Opfer eines digitalen Betrugs werden. Umgekehrt kann eine spektakuläre Straftat das Sicherheitsgefühl einer ganzen Region beeinflussen, obwohl sich das statistische Risiko für den Einzelnen kaum verändert hat.
Genau deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Zahlen. Die Schweiz gehört in internationalen Vergleichen regelmässig zur Gruppe besonders sicherer Staaten. Wie breit Sicherheit heute verstanden werden muss, zeigt auch ein Beitrag von business24.ch über Prävention, Resilienz und neue Risiken für Gesellschaft und Wirtschaft. Die grundlegende Aussage passt zu vielen Indikatoren: stabile Institutionen, leistungsfähige Infrastruktur und vergleichsweise niedrige Risiken prägen den Alltag.
Kriminalität: Das Gesamtbild ist differenzierter als die Schlagzeilen
Die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundesamts für Statistik registrierte für 2025 insgesamt 554’963 Straftaten nach Strafgesetzbuch. Das waren 1,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Besonders interessant ist der längere Vergleich: 2009 wurden 553’421 Straftaten registriert – nahezu gleich viele wie 2025. Weil die Bevölkerung seither deutlich gewachsen ist, sank die Zahl pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner von rund 72 im Jahr 2009 auf 61 im Jahr 2025.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Form der Kriminalität zurückgegangen wäre. 2025 stieg die Zahl der schweren Gewaltstraftaten um 8,1 Prozent. Bei den 55 vollendeten Tötungsdelikten ereigneten sich 61,8 Prozent im häuslichen Bereich. Gerade diese Zahl macht deutlich, warum das Bild vom gefährlichen öffentlichen Raum zu kurz greift: Ein erheblicher Teil schwerster Gewalt geschieht nicht auf einem Bahnhofplatz oder in einer dunklen Gasse, sondern innerhalb persönlicher Beziehungen und privater Räume.
Auch Eigentumsdelikte verändern sich. Klassischer Diebstahl bleibt zahlenmässig bedeutend, doch gleichzeitig hat sich ein grosser Teil der Kriminalität dorthin verlagert, wo Menschen heute arbeiten, kommunizieren, einkaufen und bezahlen: ins Digitale.
Die Strasse zeigt, wie stark Prävention wirken kann
Kaum irgendwo lässt sich der Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte deutlicher messen als im Strassenverkehr. 1970 starben in der Schweiz 1694 Menschen bei Verkehrsunfällen. 2025 waren es 214. In absoluten Zahlen entspricht dies einem Rückgang von rund 87 Prozent – obwohl heute erheblich mehr Menschen und Fahrzeuge unterwegs sind.
Dahinter steht nicht eine einzelne Erfindung. Sicherheitsgurte, Kinderrückhaltesysteme, Knautschzonen, Airbags, ABS und elektronische Stabilitätsprogramme haben Fahrzeuge verändert. Gleichzeitig wurden Strassen angepasst, gefährliche Stellen entschärft, Geschwindigkeiten stärker kontrolliert und Rettungsketten professionalisiert. Die Verkehrssicherheit ist ein gutes Beispiel dafür, wie Technik, Regeln, Ausbildung und menschliches Verhalten zusammenspielen müssen.
Trotzdem sind die aktuellen Zahlen kein Grund zur Selbstzufriedenheit. Das Bundesamt für Strassen registrierte 2025 neben den 214 Todesopfern auch 3935 Schwerverletzte. Gegenüber 2024 sank zwar die Zahl der Getöteten um 36, jene der Schwerverletzten stieg jedoch um 143. Besonders für ungeschützte Verkehrsteilnehmende wie Fussgänger, Velofahrende und Motorradfahrende bleiben Unfälle gefährlich. Wie stark dabei Technik, Ausrüstung und Verhalten zusammenspielen, zeigt auch der Beitrag von motortipps.ch über Sicherheit und vermeidbare Risiken im Motorradverkehr.
Der entscheidende Fortschritt der letzten Jahrzehnte besteht deshalb weniger darin, dass Fehler verschwunden wären. Menschen übersehen weiterhin Fahrzeuge, fahren zu schnell, sind müde oder lassen sich ablenken. Moderne Systeme sind vielmehr zunehmend darauf ausgelegt, einen Fehler nicht sofort in eine Katastrophe münden zu lassen.
Das Auto wurde vom Fortbewegungsmittel zum Schutzraum
Ein moderner Personenwagen verdeutlicht diese Entwicklung besonders gut. Frühe Automobile boten ihren Insassen bei einem schweren Aufprall kaum konstruktiven Schutz. Heute wird bereits bei der Entwicklung berechnet, wie sich die Karosserie verformen soll, welche Kräfte auf den Körper wirken und wann Gurtstraffer oder Airbags ausgelöst werden müssen.
Hinzu kommen Fahrerassistenzsysteme. Notbremsassistenten können drohende Kollisionen erkennen, Spurhaltefunktionen vor unbeabsichtigtem Verlassen der Fahrbahn warnen und moderne Sensoren überwachen Teile des Fahrzeugumfelds. Diese Technik kann Risiken reduzieren, sie nimmt dem Menschen aber nicht die Verantwortung ab. Sensoren haben Grenzen, Wetter und Sicht können Systeme beeinflussen, und Assistenz ist nicht mit autonomem Fahren gleichzusetzen.
Gerade hier zeigt sich ein Grundprinzip moderner Sicherheit: Fortschritt bedeutet nicht Unverwundbarkeit. Gute Technik schafft zusätzliche Schutzschichten. Je mehr dieser Schichten unabhängig voneinander funktionieren, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass ein einzelner Fehler schwere Folgen hat.
Die neue Haustür ist oft ein Bildschirm
Während physische Schutzsysteme immer besser wurden, entstand ein neuer Angriffsraum. 2025 erfasste die Schweizer Kriminalstatistik 57’761 Straftaten mit digitalem Tatvorgehen. Das Bundesamt für Cybersicherheit verarbeitete im selben Jahr 64’733 freiwillige Meldungen zu Cybervorfällen. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Statistiken, die nicht miteinander addiert werden dürfen – gemeinsam zeigen sie aber die Grössenordnung der digitalen Bedrohung.
Im zweiten Halbjahr 2025 klassifizierte das Bundesamt für Cybersicherheit mehr als die Hälfte der freiwilligen Meldungen als Betrug. Phishing, gefälschte Webseiten, betrügerische Anlageangebote, falsche Behördenanrufe und gestohlene Zugangsdaten gehören inzwischen zum Sicherheitsalltag. Die Angriffe werden zugleich professioneller. Betrüger kopieren bekannte Marken, verwenden persönliche Informationen und erzeugen gezielt Zeitdruck oder Angst.
Ein typisches Beispiel sind Nachrichten, die angeblich von einem bekannten Unternehmen oder Dienst stammen und zum Öffnen eines Links auffordern. Polizei.news zeigt anhand aktueller Phishing-Fälle, worauf Nutzer bei verdächtigen Nachrichten achten sollten. Die einfachsten Schutzregeln bleiben erstaunlich wirksam: Absender prüfen, Links nicht reflexartig öffnen, Passwörter und Sicherheitscodes niemals auf Aufforderung weitergeben und wichtige Konten mit Mehrfaktor-Authentifizierung schützen.
Warum digitale Sicherheit schwieriger geworden ist
Der Einbrecher muss heute nicht mehr vor einem Haus stehen. Ein Täter kann Tausende Kilometer entfernt sitzen und innerhalb weniger Minuten Tausende potenzielle Opfer erreichen. Damit verändert sich auch die klassische Vorstellung von Prävention. Eine gute Haustür schützt nicht vor einem gestohlenen E-Mail-Passwort, eine Alarmanlage nicht vor einer manipulierten Online-Zahlung.
Gleichzeitig hängen immer mehr Lebensbereiche voneinander ab. Kommunikation, Banken, Verkehr, Energieversorgung, Verwaltungen und Unternehmen arbeiten mit vernetzten Systemen. Deshalb betrifft Cybersicherheit längst nicht nur private Computer. Seit April 2025 besteht in der Schweiz für Betreiber kritischer Infrastrukturen unter bestimmten Voraussetzungen eine Meldepflicht für Cyberangriffe. Bis Ende 2025 gingen beim Bundesamt für Cybersicherheit 222 entsprechende Meldungen ein.
Das Ziel ist nicht, jeden Angriff verhindern zu können. Entscheidend ist, Angriffe schneller zu erkennen, Schäden zu begrenzen und Systeme so aufzubauen, dass wichtige Funktionen wiederhergestellt werden können.
Auch Natur und Infrastruktur gehören zur Sicherheitsfrage
Ein moderner Staat muss sich nicht nur gegen Kriminalität schützen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz analysiert regelmässig jene Ereignisse, die grosse Teile des Landes oder zentrale Versorgungsstrukturen treffen könnten. Die nationale Risikoanalyse 2025 umfasst 44 Gefährdungsdossiers. Neu beziehungsweise vertieft berücksichtigt wurden unter anderem Starkregen mit Oberflächenabfluss, Bergsturz und eine Mangellage bei der Erdgasversorgung.
Besonders wichtig sind sogenannte Kaskadeneffekte. Ein Stromausfall betrifft nicht bloss das Licht. Er kann Kommunikation, Zahlungssysteme, Verkehr, Kühlung, Produktion und weitere Infrastrukturen beeinträchtigen. Digitalisierung macht Systeme leistungsfähiger, schafft jedoch gleichzeitig neue Abhängigkeiten. Resilienz bedeutet deshalb, mit Störungen rechnen zu können und nicht davon auszugehen, dass sie niemals eintreten.
Sind wir also wirklich sicher?
Die sachliche Antwort lautet: Wir sind in vielen Bereichen deutlich besser geschützt als frühere Generationen. Besonders eindrücklich ist der Strassenverkehr. Fahrzeuge, Infrastruktur, Medizin und Rettungswesen verhindern oder begrenzen heute Folgen, die vor einigen Jahrzehnten häufig tödlich waren. Auch Polizeiarbeit, Gebäudetechnik, Lebensmittelkontrollen, Arbeitsschutz und Katastrophenvorsorge beruhen auf einem Wissensstand, der kontinuierlich gewachsen ist.
Gleichzeitig existiert Sicherheit nie als endgültiger Zustand. Risiken verschwinden nicht zwangsläufig – sie verändern ihre Form. Der klassische Bankraub ist für den einzelnen Bürger weniger relevant als der perfekt gestaltete Phishing-Link. Ein Unwetter kann durch bessere Warnungen früher erkannt werden, doch dicht besiedelte Räume und komplexe Infrastruktur erhöhen das mögliche Schadensausmass. Ein modernes Auto kann einen Unfall verhindern, aber nicht jede physikalische Grenze überwinden.
Hinzu kommt der menschliche Faktor. Technik kann warnen, bremsen, verschlüsseln und überwachen. Sie kann jedoch nicht jede Fehlentscheidung ausschliessen. Viele erfolgreiche Sicherheitskonzepte beruhen deshalb nicht auf einer einzigen perfekten Barriere, sondern auf mehreren Ebenen: Prävention, technische Schutzmassnahmen, Ausbildung, Kontrolle, Früherkennung und ein funktionierendes System für den Ernstfall.
Die wichtigste Veränderung ist unser Umgang mit Risiken
Vielleicht liegt der grösste Fortschritt deshalb nicht in Kameras, Airbags oder Firewalls. Er liegt in der Erkenntnis, dass Risiken systematisch untersucht und reduziert werden können. Verkehrsunfälle werden ausgewertet, Cybervorfälle gemeldet, Gefährdungen modelliert und Schutzkonzepte nach realen Ereignissen angepasst. Sicherheit wird zunehmend als lernendes System verstanden.
Das verändert auch die Antwort auf die Ausgangsfrage. Vollständige Sicherheit kann kein Staat, keine Technologie und keine Versicherung garantieren. Wer absolute Sicherheit verspricht, verspricht etwas, das in einer offenen Gesellschaft nicht erreichbar ist.
Sehr wohl erreichbar ist jedoch etwas anderes: Risiken erkennen, ihre Wahrscheinlichkeit reduzieren, Folgen begrenzen und aus Fehlern lernen. Genau darin ist die Schweiz heute erheblich weiter als noch vor einigen Jahrzehnten.
Wir leben deshalb nicht in einer Welt ohne Gefahren. Aber in vielen Bereichen leben wir in einer Welt, die gelernt hat, besser mit ihnen umzugehen.
Quelle: belmedia-Redaktion
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