Jeremias Gotthelf: Pfarrer, Sozialkritiker und grosse Stimme des Emmentals

Jeremias Gotthelf schrieb über Bauernhöfe, Schulstuben, Geldnot, Glauben, Krankheit und menschliche Abgründe. Seine Geschichten spielen meist in einer überschaubaren ländlichen Welt. Die Fragen dahinter sind jedoch erstaunlich modern: Was hält eine Gemeinschaft zusammen? Wie viel Verantwortung trägt der Einzelne? Und was geschieht, wenn Angst, Gier oder Gleichgültigkeit die Oberhand gewinnen?

Hinter dem berühmten Namen stand der reformierte Pfarrer Albert Bitzius. Er lebte fast sein gesamtes Erwachsenenleben im Kanton Bern und kannte das Emmental nicht nur als literarische Kulisse. Als Seelsorger, Schulinspektor und politischer Beobachter erlebte er Armut, soziale Spannungen und die tiefgreifenden Veränderungen des 19. Jahrhunderts aus unmittelbarer Nähe.

Albert Bitzius hinter dem Namen Jeremias Gotthelf

Albert Bitzius wurde am 4. Oktober 1797 in Murten geboren. Sein Vater Sigmund Bitzius war reformierter Pfarrer, seine Mutter Elisabeth stammte aus einer Berner Familie. Als Albert acht Jahre alt war, zog die Familie nach Utzenstorf. Dort wuchs er im Pfarrhaus auf und erhielt zunächst Unterricht von seinem Vater.

Von 1812 bis 1814 besuchte er das Pädagogium in Bern. Danach studierte er Theologie an der Berner Akademie. Nach dem Examen im Jahr 1820 arbeitete er als Vikar bei seinem Vater in Utzenstorf.

Die Ausbildung blieb nicht auf Bern beschränkt. 1821 ging Bitzius für zwei Semester an die Universität Göttingen. Auf Reisen lernte er weitere Teile Deutschlands kennen. Diese Zeit erweiterte seinen Horizont. Dennoch blieb seine spätere Arbeit eng mit dem ländlichen Bern verbunden.

Vom Vikar zum Pfarrer von Lützelflüh

Ab 1824 wirkte Bitzius als Vikar in Herzogenbuchsee. Schon dort zeigte sich sein starkes Interesse an Bildungsfragen. In einem Streit um eine Schule in Bollodingen bezog er deutlich Stellung. Sein Temperament und seine direkte Sprache machten ihn nicht immer zu einem einfachen Partner für Behörden und Vorgesetzte.

Nach einer kurzen Tätigkeit an der Heiliggeistkirche in Bern kam er am 1. Januar 1831 nach Lützelflüh. Zunächst arbeitete er als Vikar. Im März 1832 wurde er zum Pfarrer gewählt.

1833 heiratete er Henriette Zeender, eine Enkelin seines Amtsvorgängers. Das Paar bekam drei Kinder: Henriette, Albert und Cécile. Henriette Bitzius war weit mehr als die Frau an seiner Seite. Sie las Manuskripte, half bei der Korrespondenz und begleitete die schriftstellerische Arbeit ihres Mannes kritisch.

Das Pfarrhaus wurde zum Lebensmittelpunkt der Familie und zur literarischen Werkstatt. Hier schrieb Gotthelf seine Romane, Erzählungen, Predigten, Briefe und Zeitungsbeiträge. Gleichzeitig empfing er Gemeindemitglieder, schlichtete Konflikte und kümmerte sich um kirchliche und soziale Aufgaben.


Im Pfarrhaus von Lützelflüh lebte und arbeitete Albert Bitzius von 1831 bis zu seinem Tod 1854. Heute befindet sich hier das Gotthelf Zentrum Emmental.

Pfarrer, Schulreformer und Anwalt der Armen

Gotthelf verstand das Pfarramt nicht als Tätigkeit, die sich auf Gottesdienste und religiöse Unterweisung beschränkte. Er wollte die Lebensverhältnisse der Menschen verbessern. Besonders wichtig waren ihm Schulen, die Ausbildung von Lehrern und der Schutz armer Kinder.

Von 1835 an wirkte er als Schulkommissär. Er besuchte Schulen, prüfte Unterricht und Gebäude und verfasste Berichte. Dabei stiess er auf überfüllte Klassen, schlecht ausgebildete Lehrer, unzureichende Räume und Kinder, die wegen der Arbeit auf dem Hof häufig fehlten.

Seine Kritik fiel deutlich aus. Gotthelf verlangte eine Schule, die nicht bloss Wissen vermittelt, sondern junge Menschen zu selbstständigem und verantwortungsbewusstem Handeln befähigt. Gleichzeitig misstraute er Reformen, die seiner Ansicht nach nur auf dem Papier bestanden oder von der Lebenswirklichkeit der Dörfer zu weit entfernt waren.

Ein besonderes Anliegen war ihm die Armenfürsorge. Er unterstützte eine Erziehungsanstalt für arme und vernachlässigte Kinder und übernahm zeitweise den Vorsitz des zuständigen Vereins. In seinen Büchern beschrieb er, wie Armut von Generation zu Generation weitergegeben werden konnte. Kinder litten unter fehlender Bildung, unsicheren Familienverhältnissen und wirtschaftlicher Ausbeutung.

Vom liberalen Reformer zum Kritiker des Radikalismus

Gotthelfs politische Haltung lässt sich nicht mit einem einzigen Etikett erklären. In jungen Jahren unterstützte er die liberale Bewegung, die 1831 im Kanton Bern die Herrschaft des Patriziats beendete. Volkssouveränität, politische Verantwortung und bessere Bildung entsprachen seinen Vorstellungen.

Später geriet er jedoch zunehmend in Konflikt mit dem radikalen Liberalismus. Er kritisierte den Antiklerikalismus, die wachsende Bürokratie und eine Politik, die nach seiner Einschätzung persönliche Verantwortung durch staatliche Programme ersetzen wollte. Auch der stärkeren Zentralisierung der Schweiz begegnete er skeptisch.

Das machte ihn nicht einfach zu einem Gegner des Fortschritts. Vielmehr entwickelte er eine eigene, christlich geprägte Vorstellung von Gesellschaft. Freiheit war für ihn untrennbar mit Verantwortung verbunden. Wohlhabende sollten für Schwächere einstehen. Familien und Gemeinden hatten Pflichten. Gleichzeitig erwartete er auch von Bedürftigen Eigeninitiative und Arbeitsbereitschaft.

Diese Haltung konnte sozial aufmerksam, aber auch streng und bevormundend wirken. Gerade diese Spannung prägt viele seiner Werke.

Wie der Name Jeremias Gotthelf entstand

Mit dem Schreiben eines ersten Romans begann Albert Bitzius 1836. «Der Bauern-Spiegel oder Lebensgeschichte des Jeremias Gotthelf» erschien 1837. Das Buch ist als fiktive Lebensgeschichte eines armen Jungen gestaltet, der früh seine Eltern verliert und von anderen abhängig wird.

Der Name Jeremias Gotthelf gehörte ursprünglich dem Erzähler und Protagonisten des Romans. Danach verwendete Bitzius ihn als literarisches Pseudonym. Der Name war wirkungsvoll: «Jeremias» erinnert an den biblischen Propheten, der Missstände anprangert. «Gotthelf» verbindet den Glauben mit der Hoffnung auf Hilfe.

Der Roman war kein gemütliches Heimatbuch. Er zeigte die harte Seite des Landlebens. Armut, Abhängigkeit, Demütigung und die damalige Unterbringung bedürftiger Kinder wurden ohne romantische Beschönigung beschrieben.


Eine Illustration Friedrich Walthards aus der Ausgabe des «Bauern-Spiegels» von 1851. Der Name des fiktiven Erzählers wurde zum Pseudonym des Autors.

Eine Sprache, die nach Erzählen klingt

Gotthelf schrieb grundsätzlich auf Hochdeutsch. Seine Sprache ist jedoch stark vom Berndeutschen geprägt. Dialektwörter, Redewendungen, Satzbau und Rhythmus lassen häufig eine mündliche Erzählstimme hören.

Seine Sätze können lang und verschachtelt sein. Der Erzähler unterbricht die Handlung, kommentiert das Verhalten der Figuren und wendet sich gelegentlich direkt an die Leser. Dann folgen plötzlich kurze, scharfe Bemerkungen oder drastische Bilder.

Hinzu kommen Humor, Übertreibung und Satire. Gotthelf konnte eine Dorfgemeinschaft mit grosser Wärme schildern und wenige Seiten später ihre Heuchelei, Habgier oder Feigheit blossstellen. Seine Figuren sprechen nicht alle gleich. Wortwahl und Ton verraten häufig Herkunft, Bildung, Beruf und gesellschaftliche Stellung.

Diese sprachliche Nähe zur gesprochenen Welt erschwerte zunächst den Erfolg ausserhalb der Schweiz. Der Berliner Verleger Julius Springer erkannte jedoch das literarische Potenzial. Er ermunterte Gotthelf, einzelne Dialektausdrücke zurückhaltender einzusetzen. Dadurch wurden die Bücher auch in Deutschland besser verständlich und erreichten ein grösseres Publikum.

Die wichtigsten Werke im Überblick

Gotthelf war ausserordentlich produktiv. Trotz Pfarramt, Familie und öffentlicher Aufgaben entstanden 13 Romane und mehr als 50 kürzere Erzählungen. Dazu kamen Predigten, Briefe, Kalendergeschichten und zahlreiche politische Artikel.

  • «Der Bauern-Spiegel» von 1837 machte die Not armer Landkinder und die Abhängigkeit sozial Schwacher sichtbar.
  • «Leiden und Freuden eines Schulmeisters» von 1838/39 verarbeitete Gotthelfs Erfahrungen mit dem damaligen Schulwesen.
  • «Uli der Knecht» von 1841 erzählt den Aufstieg eines leichtsinnigen Knechts durch Arbeit, Verlässlichkeit und persönliche Entwicklung.
  • «Die schwarze Spinne» von 1842 verbindet eine dörfliche Rahmenhandlung mit einer düsteren Geschichte über Zwang, Angst und kollektive Schuld.
  • «Anne Bäbi Jowäger» von 1843/44 setzt sich mit Krankheit, Volksmedizin, medizinischer Aufklärung und familiärer Herrschaft auseinander.
  • «Geld und Geist» von 1843/44 zeigt, wie Misstrauen und Besitzdenken eine Familie auseinanderbringen können.
  • «Käthi, die Grossmutter» von 1847 erzählt von einer Frau, die trotz Verlusten und sozialer Not ihre Würde bewahrt.
  • «Uli der Pächter» von 1849 führt die Geschichte Ulis weiter und stellt ihn vor neue wirtschaftliche und moralische Prüfungen.
  • «Die Käserei in der Vehfreude» von 1850 nimmt Spekulation, Fortschrittsglauben und dörfliche Machtkämpfe aufs Korn.

«Die schwarze Spinne»: weit mehr als eine Schauergeschichte

«Die schwarze Spinne» ist heute Gotthelfs international bekanntestes Werk. Die Erzählung beginnt bei einer Taufe. Während der Feier fällt ein merkwürdig alter schwarzer Fensterpfosten auf. Daraufhin wird eine Geschichte aus einer fernen Vergangenheit erzählt.

Unterdrückte Bauern sollen für einen tyrannischen Ritter eine kaum erfüllbare Arbeit leisten. In ihrer Not schliessen sie einen Pakt mit einer unheimlichen Gestalt. Als die vereinbarte Gegenleistung verweigert wird, bricht das Grauen über das Dorf herein. Eine schwarze Spinne verbreitet Tod und Panik.

Das Werk lässt mehrere Deutungen zu. Es kann als christliche Erzählung über Schuld und Erlösung gelesen werden. Zugleich ist es eine Geschichte über politische Unterdrückung, Gruppendruck, Verantwortung und das gefährliche Verdrängen gemeinsamer Probleme.

Bemerkenswert ist der Wechsel zwischen vertrauter Alltagswelt und apokalyptischem Schrecken. Die Katastrophe kommt nicht von aussen allein. Sie wächst aus den Entscheidungen der Dorfgemeinschaft. Gerade deshalb wirkt die Erzählung bis heute so stark.


Franz Karl Basler-Kopps düstere Darstellung greift die bedrohliche Bildwelt von Gotthelfs bekanntester Erzählung auf.

«Anne Bäbi Jowäger» und die medizinische Aufklärung

Auch «Anne Bäbi Jowäger» entstand aus einem konkreten gesellschaftlichen Anlass. Die Berner Gesundheitsbehörden suchten nach einer verständlichen Möglichkeit, die Bevölkerung über medizinische Versorgung und Impfungen aufzuklären. Gotthelf nahm den Auftrag an, schrieb aber kein trockenes Lehrbuch.

Stattdessen entstand ein umfangreicher Roman über Krankheit, Pflege, Macht und Aberglauben. Anne Bäbi ist eine starke, aber herrschsüchtige Bäuerin. Sie vertraut fragwürdigen Heilern und überlieferten Vorstellungen stärker als fachkundiger Medizin. Ihre Entscheidungen beeinflussen die gesamte Familie.

Gotthelf verteidigt medizinisches Wissen, zeichnet Ärzte aber nicht automatisch als fehlerlose Helden. Er zeigt, dass Vertrauen, verständliche Kommunikation und menschliche Zuwendung für eine erfolgreiche Behandlung ebenso wichtig sind wie Fachkenntnisse.

Damit berührt der Roman Fragen, die auch heute aktuell bleiben: Weshalb vertrauen Menschen zweifelhaften Heilsversprechen? Wie kann medizinisches Wissen verständlich vermittelt werden? Und was geschieht, wenn Angst stärker wird als überprüfbare Information?

Das Emmental war für Gotthelf kein Heimatidyll

Gotthelfs Bücher werden häufig mit grünen Hügeln, stattlichen Bauernhäusern und einer vermeintlich geordneten alten Schweiz verbunden. Dieses Bild greift zu kurz.

Sein Emmental ist eine soziale Versuchsanordnung. Wohlhabende Bauern, Knechte, Mägde, Tagelöhner, Wirte, Lehrer, Pfarrer, Händler und Behördenvertreter sind voneinander abhängig. Besitz entscheidet über Einfluss und Heiratschancen. Ein schlechter Ruf kann wirtschaftliche Folgen haben. Schulden bedrohen ganze Familien.

Gotthelf beobachtete genau, wie Gerüchte entstehen und wie eine Dorföffentlichkeit Druck ausübt. Er schrieb über Alkoholmissbrauch, häusliche Konflikte, Erbschaften, Spekulation, schlechte Arbeitsbedingungen und die Verletzlichkeit von Menschen ohne Vermögen.

Das macht seine Werke zu wichtigen Quellen für die Sozial- und Alltagsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Wer das Emmental und den übrigen Kanton im heutigen Zusammenhang kennenlernen möchte, findet weitere Hintergründe im ausführlichen Porträt des Kantons Bern.

Frauenfiguren mit Kraft – und enge Grenzen

Viele Frauenfiguren bei Gotthelf besitzen Energie, Verstand und grossen Einfluss. Sie führen Haushalte, sichern Höfe, entscheiden über Geld und bestimmen das Familienleben. Figuren wie Käthi oder Christine in der «Schwarzen Spinne» tragen zentrale Teile der Handlung.

Gleichzeitig bleibt Gotthelfs Vorstellung von Geschlechterrollen stark im 19. Jahrhundert verankert. Weibliche Selbstständigkeit wird häufig danach bewertet, ob sie Familie, Glauben und sozialer Ordnung dient. Frauen, die diese Grenzen überschreiten, werden teilweise besonders streng gezeichnet.

Auch andere Stellen verlangen eine kritische Lektüre. Einzelne Figurenzeichnungen enthalten aus heutiger Sicht antisemitische, fremdenfeindliche oder sozial abwertende Stereotype. Eine zeitgemässe Beschäftigung mit Gotthelf sollte solche Passagen weder verschweigen noch aus ihrem historischen Zusammenhang lösen.

Gerade diese Widersprüche machen eine sorgfältige Lektüre wichtig. Gotthelf konnte soziale Ausbeutung scharf kritisieren und zugleich Vorurteile seiner Epoche wiederholen.

Glaube, Moral und menschliche Verantwortung

Gotthelfs christliche Überzeugung bildet das Fundament seines Schreibens. Dennoch sind seine Erzählungen keine einfachen Predigten mit eindeutig guten und bösen Figuren. Seine Menschen irren, lernen, scheitern oder täuschen sich selbst.

Entscheidend ist für ihn, wie sich ein Mensch gegenüber anderen verhält. Fleiss allein genügt nicht. Wer wirtschaftlich erfolgreich ist, aber seine Familie ausnutzt oder Bedürftige verachtet, hat die moralische Prüfung nicht bestanden.

Gotthelf misstraute schnellen Lösungen. Weder eine neue Behörde noch eine technische Erfindung konnte nach seiner Auffassung fehlende Verantwortung ersetzen. Fortschritt war für ihn dann sinnvoll, wenn er dem Menschen diente und von einer tragfähigen sozialen Ordnung begleitet wurde.

Diese Haltung wirkt mitunter streng. Sie erklärt aber, weshalb seine Romane wirtschaftliche, familiäre und religiöse Fragen so eng miteinander verbinden.

Erfolg über die Schweiz hinaus

Gotthelf wurde zu Lebzeiten weit über Bern hinaus gelesen. Durch die Zusammenarbeit mit Julius Springer fanden seine Bücher ein grosses Publikum im deutschen Sprachraum. Zeitweise gehörte er zu den gut bezahlten deutschsprachigen Schriftstellern seiner Epoche.

Auch in Frankreich stiess sein Werk auf Interesse. Die Schriftstellerin George Sand verfasste später ein Vorwort für eine französische Ausgabe. Nach seinem Tod beschäftigten sich Autoren wie Gottfried Keller, Thomas Mann und Literaturwissenschaftler Walter Muschg intensiv mit ihm.

Albert Ankers Gemälde «Eine Gotthelf-Leserin» von 1884 zeigt eine junge Frau vertieft in ein Buch. Das Bild entstand nur drei Jahrzehnte nach Gotthelfs Tod. Es dokumentiert, wie rasch seine Werke Teil der schweizerischen Lesekultur geworden waren.


Albert Ankers Gemälde «Eine Gotthelf-Leserin» von 1884 zeigt, wie fest die Bücher des Autors wenige Jahrzehnte nach seinem Tod bereits in der Schweizer Lesekultur verankert waren.

Gotthelf im Schweizer Film

Im 20. Jahrhundert erhielten Gotthelfs Geschichten durch das Kino ein neues Publikum. Besonders der Regisseur Franz Schnyder prägte das visuelle Bild des Gotthelf-Universums.

Zu seinen Verfilmungen gehören «Uli der Knecht» von 1954, «Uli der Pächter» von 1955, «Die Käserei in der Vehfreude» von 1958 sowie die beiden «Anne Bäbi Jowäger»-Filme von 1960 und 1962. «Geld und Geist» folgte 1964.

Darsteller wie Hannes Schmidhauser, Liselotte Pulver, Emil Hegetschweiler und Margrit Rainer machten die Figuren einem breiten Publikum vertraut. Die Filme gehören zu den Klassikern des Schweizer Kinos.

Sie beeinflussten allerdings auch die Wahrnehmung des Autors. Prächtige Bauernhäuser, Trachten und Emmentaler Landschaften rückten stark in den Vordergrund. Die soziale Härte, die politischen Konflikte und die sprachliche Radikalität der Bücher wirken im Kino teilweise milder. Wer Gotthelf nur aus den Filmen kennt, kennt deshalb nur einen Teil seines Werkes.

Das Gotthelf Zentrum in Lützelflüh

Albert Bitzius starb am 22. Oktober 1854 im Alter von 57 Jahren. Sein Grab liegt unmittelbar bei der Kirche von Lützelflüh. Das ehemalige Pfarrhaus, in dem er mehr als zwei Jahrzehnte lebte und arbeitete, beherbergt heute das Gotthelf Zentrum Emmental.

Die Ausstellung vermittelt sein Leben als Pfarrer, Familienvater, politischer Beobachter und Schriftsteller. Manuskripte, Briefe, Bücher und persönliche Gegenstände machen sichtbar, wie eng Alltag und Literatur miteinander verbunden waren.

Ein Besuch lässt sich mit einem Rundgang durch Lützelflüh und die Emmentaler Landschaft verbinden. Öffnungszeiten und Veranstaltungen sollten vor der Anreise auf der Website des Zentrums kontrolliert werden.


Albert Ankers Gemälde «Eine Gotthelf-Leserin» von 1884 zeigt, wie fest die Bücher des Autors wenige Jahrzehnte nach seinem Tod bereits in der Schweizer Lesekultur verankert waren.

Ein Autor als Gegenstand moderner Forschung

Gotthelfs Texte wirken volkstümlich, stellen die Forschung aber vor anspruchsvolle Aufgaben. Viele Werke erschienen in mehreren Fassungen. Manuskripte, Erstdrucke und spätere Ausgaben unterscheiden sich. Hinzu kommen Briefe, Predigten und Zeitungsbeiträge.

An der Universität Bern entsteht deshalb eine historisch-kritische Gesamtausgabe. Sie ordnet die Texte in ihren politischen, religiösen und medialen Zusammenhang ein. Seit 2025 werden Teile der Edition auch digital veröffentlicht.

Dadurch lässt sich genauer nachvollziehen, wie Gotthelf arbeitete, welche Änderungen er vornahm und wie Verleger in seine Texte eingriffen. Die Forschung befreit ihn zugleich vom verengten Bild des gemütlichen Heimatdichters.

Warum sich Gotthelf heute noch zu lesen lohnt

Die Sprache verlangt zunächst Aufmerksamkeit. Manche Sätze sind lang, einzelne Dialektausdrücke ungewohnt. Wer sich darauf einlässt, entdeckt jedoch einen Autor mit enormer Beobachtungskraft.

Gotthelf beschreibt, wie Menschen unter wirtschaftlichem Druck reagieren. Er zeigt, wie Gerüchte Gemeinschaften verändern und wie leicht Angst für politische oder persönliche Zwecke genutzt werden kann. Er fragt, wann Hilfe stärkt und wann sie neue Abhängigkeiten schafft.

Seine Werke liefern keine fertigen Antworten für die Gegenwart. Sie machen aber sichtbar, dass Konflikte um Bildung, Gesundheit, soziale Verantwortung und öffentliches Vertrauen eine lange Geschichte besitzen.

Als Einstieg eignet sich «Die schwarze Spinne», weil die Erzählung vergleichsweise kurz und spannend ist. Wer die soziale Welt Gotthelfs genauer kennenlernen möchte, kann danach «Uli der Knecht», «Geld und Geist» oder «Die Käserei in der Vehfreude» lesen. Hinweise auf aktuelle Literaturgespräche in Schweizer Radio und Fernsehen bietet der Beitrag über das SRF-Literaturangebot unter der Marke «Literaturclub».

Video-Tipp: Zu Besuch im Gotthelf Zentrum

Das Video der BLS führt nach Lützelflüh und vermittelt einen kurzen Eindruck vom ehemaligen Pfarrhaus, dem heutigen Gotthelf Zentrum und der Umgebung, in der Albert Bitzius lebte und schrieb.



Fazit

Jeremias Gotthelf war Pfarrer, Schulreformer, politischer Publizist und einer der eigenständigsten Erzähler der Schweizer Literatur. Er kannte das bäuerliche Leben aus unmittelbarer Anschauung, machte daraus aber keine heile Bilderwelt.

Seine Bücher handeln von Macht und Abhängigkeit, von Geld, Krankheit, Familie und Glauben. Sie zeigen Menschen, die sich bewähren, und andere, die an Angst, Gier oder Selbsttäuschung scheitern.

Nicht jede Haltung Gotthelfs überzeugt aus heutiger Sicht. Manche Urteile wirken streng, einzelne Darstellungen enthalten problematische Vorurteile. Gerade deshalb lohnt sich die kritische Auseinandersetzung. Wer ihn aufmerksam liest, begegnet keinem harmlosen Heimatdichter, sondern einem sprachgewaltigen und widersprüchlichen Beobachter der Schweiz im Umbruch.

 

Bildquellen: Bild 1: Johann Friedrich Dietler, Bildnis Albert Bitzius (1844), Burgerbibliothek Bern, gemeinfrei, via Wikimedia Commons; Bild 2: © WillYs Fotowerkstatt, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons; Bild 3: Friedrich Walthard, Illustration zum Bauern-Spiegel (1851), gemeinfrei, via Wikimedia Commons; Bild 4: Franz Karl Basler-Kopp, Die schwarze Spinne, Kunstmuseum Luzern, gemeinfrei, via Wikimedia Commons; Bild 5: Albert Anker, Eine Gotthelf-Leserin (1884), gemeinfrei, via Wikimedia Commons; Bild 6: © Svenkaj, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.