Alpabzug 2026: Wie Hitze und Trockenheit die Schweizer Alpsaison verändern

Der Alpabzug gehört zu den eindrücklichsten Traditionen der Schweizer Berglandwirtschaft. 2026 steht das Ende der Alpsaison jedoch unter besonderen Vorzeichen. Nach einem bislang aussergewöhnlich heissen und vielerorts sehr trockenen Sommer sind Futterangebot, Wasserversorgung und Zustand der Alpweiden stärker in den Fokus gerückt. In einzelnen Regionen mussten Tiere bereits früher ins Tal gebracht werden. Eine schweizweit einheitliche Entwicklung gibt es dennoch nicht: Höhenlage, Exposition, lokale Niederschläge, Wasserressourcen und die Verfassung der Tiere entscheiden darüber, wie lange eine Sömmerung verantwortungsvoll fortgesetzt werden kann.

Wenn Kühe, Rinder, Schafe und Ziegen im Spätsommer und Herbst von den Alpen ins Tal zurückkehren, wird daraus in vielen Schweizer Regionen ein öffentliches Ereignis. Geschmückte Tiere, schwere Treicheln, traditionelle Kleidung und Dorfanlässe prägen das bekannte Bild. Hinter dieser Tradition steht jedoch eine sehr konkrete landwirtschaftliche Entscheidung. Eine Herde bleibt nur so lange auf der Alp, wie genügend geeignetes Futter und Wasser vorhanden sind und die Bedingungen eine sichere und tiergerechte Haltung zulassen.

Die Alpsaison ist deshalb weit mehr als ein touristisches Schauspiel. Seit 2023 gehört sie zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Über Generationen weitergegebenes Wissen über Weidenutzung, Tierhaltung, Käseherstellung, Wetter und den richtigen Zeitpunkt für Auf- und Abtrieb bildet ihre Grundlage. Besonders sichtbar ist diese Verbindung von Landwirtschaft und Brauchtum bei den traditionellen Alpfahrten im Appenzellerland, die bis heute Bestandteil des landwirtschaftlichen Jahres und nicht lediglich eine touristische Inszenierung sind.

2026 treffen diese jahrhundertealten Abläufe auf aussergewöhnliche meteorologische Rahmenbedingungen. Bereits der Juni war in der Schweiz extrem warm. Die landesweite Mitteltemperatur lag 3,5 Grad über der Referenzperiode 1991–2020. Damit belegte der Monat Rang drei seit Beginn der systematischen Messungen im Jahr 1864. Gleichzeitig blieb der Niederschlag verbreitet unterdurchschnittlich; regional fiel weniger als die Hälfte der üblichen Junimenge.

Im Juli setzte sich die aussergewöhnliche Wärme fort. Die Schweizer Mitteltemperatur lag 3,2 Grad über der Norm und erreichte damit Rang zwei in der Messreihe. Auch die Niederschläge blieben in vielen Regionen deutlich zurück. Lokal wurden weniger als 30 Prozent eines durchschnittlichen Juliniederschlags gemessen. Hohe Temperaturen, starke Sonneneinstrahlung und fehlender Regen hinterliessen zunehmend Spuren in Böden und Vegetation.

Mitte August war die Trockenheit keineswegs ausgestanden. Auf der Nationalen Trockenheitsplattform galt weiterhin die höchste Gefahrenstufe 4 für die gesamte Schweiz. Über die vorangegangenen 90 Tage fehlte im Landesmittel fast die Hälfte des normalerweise zu erwartenden Niederschlags. Besonders grosse Defizite bestanden im Jura, in Teilen des Mittellands und am westlichen Alpennordhang. Gleichzeitig lagen Grundwasserstände und Quellschüttungen vielerorts tief.

Was das für die Alpwirtschaft bedeutet, zeigt sich regional sehr unterschiedlich. Besonders deutlich wurde die Situation Anfang August im Kanton Schwyz. Dort führten anhaltende Trockenheit, Futtermangel und teilweise fehlendes Tränkewasser bereits dazu, dass einzelne Tiere vorzeitig von den Alpen ins Tal gebracht wurden. Gleichzeitig bemühen sich die Betriebe darum, eine vorzeitige Abalpung möglichst zu vermeiden, solange Tierwohl, Futterversorgung und Wasser gewährleistet bleiben.

Dieses Beispiel darf jedoch nicht auf die ganze Schweiz übertragen werden. Im Berggebiet können sich die Bedingungen auf wenigen Kilometern deutlich unterscheiden. Eine nordexponierte Alp auf 1800 Metern kann auch nach längerer Hitze noch vergleichsweise gute Pflanzenbestände aufweisen, während eine tiefer gelegene, südexponierte Weide mit flachgründigem Boden bereits stark ausgetrocknet ist. Lokale Gewitter verstärken die Unterschiede zusätzlich: Auf einer Alp fällt ergiebiger Regen, während ein benachbartes Gebiet nahezu trocken bleibt.

Für die Bewirtschaftung zählt deshalb nicht allein die Lufttemperatur. Entscheidend ist, wie viel verwertbarer Pflanzenaufwuchs tatsächlich vorhanden ist, welche Qualität das Futter besitzt und ob Quellen, Bäche, Speicher und Tränken ausreichend Wasser liefern. Eine dem Standort und dem vorhandenen Futter angepasste Tierzahl gehört dabei zu den Grundlagen nachhaltiger Nutzung. Wie wichtig eine sorgfältig angepasste Beweidung für die Schweizer Alpwirtschaft ist, zeigt sich nicht nur bei Rindern, sondern ebenso bei Ziegen und anderen Nutztieren.


Die Bedingungen unterscheiden sich von Alp zu Alp. Höhenlage, Exposition, Boden, Niederschlag und Wasserverfügbarkeit bestimmen wesentlich, wie lange genügend Futter für die Tiere vorhanden ist.

Trockenheit beeinflusst eine Alpweide auf mehreren Ebenen. Fehlt über längere Zeit Wasser im Boden, verlangsamt sich der Grasaufwuchs. Pflanzen geraten unter Stress, Bestände können früher ausreifen und die verfügbare Futtermenge nimmt ab. Dabei ist nicht nur die Menge entscheidend. Auch Zusammensetzung, Verdaulichkeit und Energiegehalt des Futters beeinflussen, ob eine Herde ausreichend versorgt werden kann.

Besonders anspruchsvoll kann die Situation bei Milchkühen werden. Tiere mit hoher Milchleistung besitzen einen entsprechend hohen Energiebedarf. Eine Weide kann aus der Distanz noch grün erscheinen und dennoch weniger hochwertiges Futter liefern als zu Beginn der Sömmerung. Für die Betriebe bedeutet dies, Pflanzenbestand, Tierkondition und Leistung laufend zu beobachten. Die Alpung steht damit in direkter Verbindung mit der Schweizer Milchproduktion und der Arbeit der einheimischen Bauernfamilien.

Neben der Trockenheit belastet auch die Wärme selbst die Tiere. Milchkühe reagieren empfindlicher auf hohe Temperaturen, als dies auf den ersten Blick erscheinen mag. Direkte Sonneneinstrahlung, geringe Luftbewegung und fehlende Schattenplätze können den Hitzestress erhöhen. Die Tiere verändern ihr Verhalten, suchen häufiger Wasser und kühlere Bereiche auf und können ihre Futteraufnahme reduzieren.

Höhere Alpen bieten dabei gewisse Vorteile. Kühlere Nächte, Wind und niedrigere Durchschnittstemperaturen können die Belastung reduzieren. Trotzdem ist auch das Hochgebirge nicht von den Auswirkungen eines aussergewöhnlich warmen Sommers ausgenommen. Die anhaltende Hitze hat 2026 die Verhältnisse im Schweizer Hochgebirge sichtbar verändert. Für die Alpwirtschaft sind vor allem die Auswirkungen auf Wasserhaushalt, Vegetation und die Dauer trockener Perioden relevant.

Eine Schlüsselrolle spielt die Wasserversorgung. Rinder müssen auch im Sömmerungsgebiet jederzeit ausreichend Wasser erhalten. In normalen Jahren übernehmen diese Aufgabe vielerorts natürliche Quellen, Bäche oder lokale Speicher. Während längerer Trockenperioden können Quellschüttungen jedoch stark zurückgehen. Wasser muss dann teilweise über grössere Distanzen transportiert oder mit zusätzlichem technischem Aufwand bereitgestellt werden.

Für die Entscheidung über den richtigen Zeitpunkt des Alpabzugs entsteht deshalb ein komplexes Gesamtbild. Nicht ein einzelner Temperaturwert oder eine trockene Woche entscheidet. Fachlich relevant ist das Zusammenspiel von Futtermenge, Futterqualität, Wasserversorgung, Tiergesundheit, Gelände und bevorstehender Wetterentwicklung. Wird eine zuverlässige Versorgung zunehmend schwierig, kann ein früherer Alpabzug die richtige Entscheidung sein.

Ein solcher Schritt ist nicht als Scheitern der Alpsaison zu verstehen. Im Gegenteil: Tiere rechtzeitig ins Tal zu bringen, bevor Futter oder Wasser kritisch werden, ist Teil einer verantwortungsvollen Betriebsführung. Gleichzeitig hat auch ein früher Alpabzug Konsequenzen für den Talbetrieb. Dort werden Futterreserven benötigt, die ursprünglich für Herbst und Winter vorgesehen waren. Jede zusätzliche Woche, während der eine Herde unter guten Bedingungen auf der Alp bleiben kann, kann diese Reserven schonen.

Deshalb wäre es ebenso falsch, nach dem heissen Sommer einen flächendeckend frühen Alpabzug für die gesamte Schweiz vorherzusagen. Die Alpen unterscheiden sich zu stark. Höhe, Geologie, Bodenmächtigkeit, Sonneneinstrahlung, Wasservorkommen und lokale Niederschläge sorgen dafür, dass die Ausgangslage von Betrieb zu Betrieb verschieden ist.

Auch das Wetter der kommenden Wochen bleibt entscheidend. Flächiger und länger anhaltender Regen kann die oberen Bodenschichten wieder anfeuchten und die Lage lokal entspannen. Nach monatelangen Defiziten reichen einzelne Gewitter jedoch nicht aus, um tiefe Bodenfeuchte, Grundwasserstände und schwache Quellschüttungen nachhaltig zu normalisieren. Gleichzeitig nimmt das natürliche Pflanzenwachstum mit kürzer werdenden Tagen und dem Fortschreiten des Spätsommers langsam ab.

Der öffentlich angekündigte Termin eines Alpabzugs und der landwirtschaftlich optimale Zeitpunkt müssen deshalb nicht zwingend identisch sein. Viele traditionelle Veranstaltungen werden lange im Voraus geplant. Auf der Alp haben jedoch Tierwohl und Sicherheit Vorrang. Trockenheit kann einen früheren Abstieg notwendig machen, ebenso ein markanter Wettersturz oder ein früher Wintereinbruch. Günstige Bedingungen können umgekehrt eine reguläre Sömmerung bis zum vorgesehenen Termin ermöglichen.

Diese Flexibilität ist keine neue Erfindung. Schweizer Älplerinnen und Älpler mussten ihre Entscheidungen schon immer an Wetter, Pflanzenwachstum und Gelände anpassen. Die Alpsaison war nie ein starres System. Gerade darin liegt ein wesentlicher Teil des über Generationen weitergegebenen Fachwissens.

Neu ist vielmehr die Dimension, die sehr warme und lang anhaltende trockene Phasen für die Planung annehmen können. Wassermanagement, trockenheitsverträgliche Futterpflanzen, geeignete Tierzahlen, sorgfältig geführte Weiden und flexible Betriebsabläufe dürften künftig noch stärker darüber entscheiden, wie widerstandsfähig einzelne Alpen gegenüber solchen Sommern sind.

Tradition und moderne Landwirtschaft stehen dabei nicht im Widerspruch. Der Alpabzug macht vielmehr sichtbar, wie viel Fachwissen hinter einem Ereignis steckt, das von aussen häufig vor allem wegen seiner Farben, Klänge und Tiere wahrgenommen wird. Zu wissen, welche Weide wann genutzt werden kann, wie lange das vorhandene Futter reicht, wie sich eine Quelle entwickelt und in welchem Zustand sich eine Herde befindet, ist praktische Landwirtschaft auf anspruchsvollem Terrain.

Der Alpabzug 2026 dürfte deshalb besonders aufmerksam verfolgt werden. In manchen Regionen wird die Alpsaison trotz der aussergewöhnlichen Wärme weitgehend regulär enden. Auf anderen Alpen können Trockenheit, knapper werdendes Futter oder eine schwierige Wasserversorgung einen früheren Abstieg notwendig machen.

Wenn die Herden in den kommenden Wochen wieder in die Täler ziehen, zeigt sich damit mehr als ein traditionsreiches Schweizer Bild. Der Alpabzug führt unmittelbar vor Augen, wie eng Tiere, Landwirtschaft, Wasser, Vegetation und Wetter im Berggebiet miteinander verbunden sind. Nach dem heissen und trockenen Sommer 2026 ist diese Verbindung besonders deutlich sichtbar.

 

Quelle: belmedia-Redaktion / A. Spitaleri
Bildquelle: belmedia-Redaktion / A. Spitaleri