Gleitschirmfliegen in der Schweiz: Sicher abheben und die Alpen aus der Luft erleben
von belmedia Redaktion #Schweizweit Aktiv & Abenteuer Allgemein Alpin Berge Draussen Freizeit Magazine nachrichtenticker.ch Natur Natur & Naturereignisse Orte Regionen Reisen Reisen & Ausflüge reiseziele.ch Schweiz Schweiz Sicherheit Sport Sport & Spiel sportaktuell.ch Themen tourismus.ch Trips Ⳇ Verbreitung
Nur wenige Schritte Anlauf, dann verliert der Boden seine Bedeutung. Unter dem Gleitschirm werden Wanderwege zu feinen Linien, Dörfer zu Miniaturen und Bergketten zu einem Panorama, das sich vom Tal aus kaum erahnen lässt. Die Schweiz bietet dafür eine eindrucksvolle Kulisse.
Gleitschirmfliegen verbindet Naturerlebnis, Sport und Technik. Ein Tandemflug ermöglicht den unkomplizierten Einstieg. Wer später selbst steuern möchte, braucht dagegen eine fundierte Ausbildung, praktische Erfahrung und ein gutes Verständnis für Wetter und Luftraum.
Was einen Gleitschirm überhaupt in der Luft hält
Ein Gleitschirm besitzt keinen Motor und kein starres Tragwerk. Seine flexible Kappe füllt sich beim Start mit Luft und bildet dadurch ein tragfähiges Profil. Pilot und Passagier sitzen in Gurtzeugen unter dem Schirm. Gesteuert wird über Bremsleinen, Gewichtsverlagerung und die richtige Wahl der Fluglinie.
Anders als beim Fallschirmspringen beginnt der Flug normalerweise nicht mit einem Sprung aus einem Flugzeug. Gestartet wird von einem geeigneten Hang. Sobald der Schirm sauber über dem Piloten steht und genügend Auftrieb erzeugt, hebt das Gespann nach wenigen Laufschritten ab. Höhe lässt sich nicht nur abbauen: Erfahrene Piloten nutzen aufsteigende Luftmassen, sogenannte Thermik, um länger in der Luft zu bleiben oder Strecken zurückzulegen.
Das ruhige Gleiten darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gleitschirmfliegen ein anspruchsvoller Luftsport ist. Wind, Thermik, Gelände, Wolkenentwicklung und der übrige Flugverkehr müssen laufend beurteilt werden.
Der Tandemflug als Einstieg
Wer das Erlebnis zunächst ausprobieren möchte, bucht am einfachsten einen Tandemflug bei einem professionellen Anbieter. Dabei übernimmt ein entsprechend ausgebildeter Biplace-Pilot die Flugvorbereitung, den Start, die Steuerung und die Landung. Der Passagier erhält vor dem Start eine kurze Einweisung und muss vor allem die Anweisungen zuverlässig befolgen.
Meist sind beim Start einige entschlossene Schritte erforderlich. Zu frühes Hinsetzen oder abruptes Abbremsen kann den Start erschweren. Deshalb wird der Ablauf vorher in Ruhe besprochen. Nach dem Abheben sitzt der Passagier bequem im Gurtzeug und kann die Aussicht geniessen.
Vor der Buchung lohnt sich ein genauer Blick auf den Anbieter. Er sollte transparent über den Piloten, die erforderliche Berechtigung, Versicherung, Ausrüstung, Wetterentscheidung und mögliche Einschränkungen informieren. Die Auswahl sollte nicht allein über den günstigsten Preis erfolgen.
Wer kann bei einem Tandemflug mitfliegen?
Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Anbieter legen abhängig von Ausrüstung, Startplatz und Bedingungen eigene Alters- und Gewichtsgrenzen fest. Entscheidend ist zudem, ob der Passagier die notwendigen Bewegungen beim Start und bei der Landung ausführen kann.
Bestehen gesundheitliche Einschränkungen, eine Schwangerschaft, kürzlich erlittene Verletzungen oder Unsicherheiten bezüglich Herz und Kreislauf, sollte die Teilnahme vorab mit dem Anbieter und gegebenenfalls mit einer medizinischen Fachperson besprochen werden. Auch starke Höhenangst muss nicht automatisch gegen einen Flug sprechen. Sie sollte jedoch offen angesprochen werden, damit der Pilot die Situation realistisch einschätzen kann.
Wer zu Reiseübelkeit neigt, informiert den Piloten ebenfalls vor dem Start. Ruhige Gleitflüge werden häufig gut vertragen. Enge Kurven und starke Thermik können den Gleichgewichtssinn jedoch stärker beanspruchen. Ein seriöser Pilot richtet den Flug nach Möglichkeit am Passagier aus und verzichtet auf Flugmanöver, die nicht ausdrücklich gewünscht sind.
Die passende Kleidung für den Flug
Im Tal kann es sommerlich warm sein, während die Luft am Startplatz und während des Fluges deutlich kühler wirkt. Hinzu kommt der Fahrtwind. Sinnvoll ist deshalb Kleidung nach dem Zwiebelprinzip. Eine leichte winddichte Jacke lässt sich auch an einem warmen Tag gut mitnehmen.
- Feste Schuhe: Gut sitzende Wander- oder Trekkingschuhe geben beim Anlauf und bei der Landung Halt.
- Lange, bewegungsfreundliche Kleidung: Sie schützt vor Wind, Sonne und kleineren Schürfungen.
- Sonnenbrille: Sie schützt die Augen vor hellem Licht, Wind und Insekten.
- Handschuhe: Je nach Höhe und Jahreszeit können selbst dünne Handschuhe angenehm sein.
- Sicher verstaute Gegenstände: Telefon, Schlüssel und Kamera dürfen während des Fluges nicht verloren gehen oder die Ausrüstung behindern.
Den Helm stellt normalerweise der Anbieter. Ob eigene Kameras oder Selfie-Sticks erlaubt sind, sollte vorab geklärt werden. Während Start und Landung gehören die Hände dorthin, wo der Pilot sie braucht, und nicht an das Smartphone.
Weshalb das Wetter über den Termin entscheidet
Ein wolkenloser Himmel ist noch keine Garantie für gute Flugbedingungen. Kritisch können unter anderem starker Wind, Böen, Föhn, Gewitterneigung und ausgeprägte Turbulenzen werden. Selbst zwischen zwei nahe beieinanderliegenden Hängen können sich die Verhältnisse deutlich unterscheiden.
Die endgültige Startentscheidung trifft deshalb der Pilot am Flugtag und nochmals unmittelbar am Startplatz. Eine kurzfristige Verschiebung oder Absage ist kein schlechter Service, sondern kann ein Zeichen professioneller Arbeit sein. Wer einen Tandemflug in seine Ferien einplant, reserviert idealerweise einen Ausweichtermin und legt nicht die letzte verfügbare Stunde vor der Heimreise fest.
Auch die Flugdauer lässt sich nicht minutengenau garantieren. Sie hängt von Höhenunterschied, Flugroute, Wind und Thermik ab. Wer ein Angebot vergleicht, sollte deshalb darauf achten, ob eine ungefähre Flugzeit oder lediglich die gesamte Dauer des Ausflugs angegeben ist.
Wo die Schweiz besonders eindrucksvoll wirkt
Gleitschirmflüge werden in zahlreichen Schweizer Bergregionen angeboten. Bekannt ist insbesondere Interlaken mit der Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau. Der Ort liegt zwischen Thunersee und Brienzersee und verbindet das Flugerlebnis mit zahlreichen weiteren Ausflugsmöglichkeiten rund um Interlaken.
Auch im Wallis, in Graubünden, der Zentralschweiz, im Tessin und in verschiedenen Voralpenregionen gibt es etablierte Fluggebiete. Welcher Ort sich eignet, hängt nicht nur von der Aussicht ab. Erreichbarkeit, Bergbahnbetrieb, Windrichtung, lokale Regelungen sowie Start- und Landemöglichkeiten spielen ebenfalls eine Rolle.
Ein spektakulär klingender Startplatz ist für Anfänger nicht automatisch die beste Wahl. Für einen ersten Tandemflug sind ein gut organisierter Ablauf, ein geeigneter Landeplatz und realistische Wetterreserven wichtiger als ein möglichst extremer Höhenunterschied.
Vom Passagier zum selbstständigen Piloten
Wer nach dem Tandemflug selbst fliegen möchte, beginnt seine Ausbildung bei einer Flugschule. Die Schweizer Prüfung umfasst Theorie und Praxis. In der Theorie werden Flugpraxis, Wetterkunde, Fluglehre, Materialkunde und Gesetzgebung geprüft.
Für die Zulassung zur praktischen Prüfung verlangt der Schweizerische Hängegleiter-Verband mindestens 50 Höhenflüge an wenigstens fünf verschiedenen Start- und Landeplätzen. Dazu gehört mindestens ein überwachter selbstständiger Höhenflug. Ausbildungsflüge sind ab 14 Jahren möglich. Für die praktische Prüfung gilt ein Mindestalter von 16 Jahren; Minderjährige benötigen die Zustimmung der Erziehungsberechtigten.
Bei der praktischen Prüfung zählen nicht nur Start und Landung. Bewertet werden auch die Startvorbereitung, das Flugprogramm und die Landeeinteilung. Das zeigt, worum es bei der Ausbildung tatsächlich geht: nicht bloss den Schirm irgendwie in die Luft zu bringen, sondern Situationen zu beurteilen und einen Flug kontrolliert zu planen.
Sobald mit eigenem Material geflogen wird, ist eine Haftpflichtversicherung gesetzlich vorgeschrieben. Wer selbstständig fliegen möchte, muss sich zudem mit Lufträumen, lokalen Vorschriften und möglichen Einschränkungen auseinandersetzen.
Sicherheit beginnt lange vor dem Start
Die Ausrüstung besteht nicht nur aus dem sichtbaren Schirm. Zum System gehören unter anderem Gurtzeug, Helm, Rettungsschirm und Verbindungselemente. Je nach Flug kommen Fluginstrumente und Funkgeräte hinzu. Material muss zum Gewicht, Können und vorgesehenen Einsatz passen sowie regelmässig nach Herstellerangaben geprüft werden.
Ebenso wichtig ist die mentale Verfassung. Zeitdruck, Gruppendynamik und der Wunsch, einen weit angereisten Flug unbedingt durchzuführen, sind schlechte Entscheidungshelfer. Wer selbst fliegt, muss bereit sein, am Startplatz wieder einzupacken. Der Schweizerische Hängegleiter-Verband betont ausdrücklich die Eigenverantwortung des Piloten.
Gleitschirmfliegen darf zudem nicht mit Wingsuit-Fliegen oder BASE-Jumping verwechselt werden. Diese Disziplinen unterscheiden sich bei Ausrüstung, Ausbildung und Risikoprofil grundlegend. Einen Einblick in diese deutlich extremere Form des Fliegens bietet der Beitrag über Wingsuit-Fliegen in der Schweiz.
Rücksicht auf Wildtiere und Landwirtschaft
Gleitschirmflieger bewegen sich in sensiblen Lebensräumen. Starten und Landen ist deshalb nicht überall erlaubt oder sinnvoll. Besonders Wildruhezonen, eidgenössische Wildschutzgebiete, lokale Vereinbarungen sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen müssen bei der Flugplanung berücksichtigt werden.
Der SHV empfiehlt, Schutzgebiete hoch genug zu überfliegen und vereinbarte Mindesthöhen einzuhalten. Wildtiere sollen weder gezielt angeflogen noch umkreist werden. Gerade überraschende, knappe Überflüge an Graten können Fluchtreaktionen auslösen. Auch lokale Clubs und Flugschulen sind wichtige Informationsquellen, weil sie die Regelungen und Besonderheiten eines Fluggebiets kennen.
Video-Tipp: Faszination Gleitschirmfliegen in der Schweiz
Die erste Folge der SRF-Dokumentation „Faszination Gleitschirmfliegen“ begleitet Menschen, für die das Fliegen weit mehr als ein kurzer Freizeitkick ist. Der Film zeigt eindrucksvoll, wie Technik, Erfahrung, Wetter und Leidenschaft zusammenspielen.
Fazit
Gleitschirmfliegen eröffnet eine Perspektive auf die Schweiz, die kein Aussichtspunkt vollständig ersetzen kann. Für Einsteiger ist ein professionell organisierter Tandemflug der sinnvollste Zugang. Feste Schuhe, passende Kleidung, zeitliche Flexibilität und ein seriöser Anbieter schaffen gute Voraussetzungen für ein eindrucksvolles Erlebnis.
Wer später selbst fliegen möchte, sollte den Sport nicht als schnelle Mutprobe betrachten. Eine gründliche Ausbildung, laufende Weiterbildung und die Bereitschaft zum Verzicht gehören ebenso dazu wie Freude an Höhe und Bewegung. Gerade diese Mischung aus Freiheit und Verantwortung macht das Gleitschirmfliegen so faszinierend.
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