Fünf Olympia-Heldinnen verabschieden sich aus der Schweizer Frauen-Nati

Die Schweizer Eishockey-Frauen feierten in Milano Cortina mit dem Gewinn der Bronzemedaille einen historischen Erfolg. Nur wenige Monate später steht das Nationalteam vor einem grossen personellen Umbruch: Insgesamt sechs Spielerinnen haben ihren Rücktritt aus der Nati erklärt. Fünf davon – Lara Christen, Shannon Sigrist, Lena-Marie Lutz, Kaleigh Quennec und Lisa Rüedi – gehörten zum erfolgreichen Olympiakader. Hinzu kommt Emma Ingold, die in Milano Cortina nicht im Aufgebot stand.

Der 2:1-Erfolg nach Verlängerung gegen Schweden gehörte zu den emotionalsten Schweizer Momenten der Olympischen Winterspiele 2026. Alina Müller erzielte 51 Sekunden vor dem Ende der Overtime das entscheidende Tor und sicherte der Schweiz die zweite olympische Medaille im Frauen-Eishockey nach 2014. Für fünf Mitglieder dieses erfolgreichen Teams war die Bronzepartie zugleich eines der letzten Kapitel im Nationaldress. Die Verteidigerinnen Lara Christen und Shannon Sigrist sowie die Stürmerinnen Lena-Marie Lutz, Kaleigh Quennec und Lisa Rüedi haben ihren Rücktritt aus dem Nationalteam erklärt. Alle fünf waren in sämtlichen sieben Schweizer Olympia-Partien zum Einsatz gekommen.

Mehr als ein Fünftel des Olympiakaders geht

Die Dimension des Umbruchs ist beträchtlich: Mit den fünf Rücktritten verliert die Schweiz auf einen Schlag mehr als ein Fünftel ihres 23-köpfigen Olympiakaders. Besonders auffällig ist das Alter der Spielerinnen. Christen ist 23 Jahre alt, Rüedi und Lutz sind 25, Sigrist 27 und Quennec 28.

Lara Christen hatte trotz ihres jungen Alters bereits mehr als 100 Länderspiele, sechs Weltmeisterschaften und zwei Olympiateilnahmen absolviert. In Mailand gehörte die Verteidigerin des SC Bern zu den auffälligsten Schweizer Abwehrspielerinnen. Sie steuerte in sieben Partien ein Tor und einen Assist bei.

Gegenüber dem Radiosender neo1 begründete Christen ihren Entscheid mit nachlassender innerer Überzeugung: „Mein Feuer brannte nicht mehr so wie noch vor ein paar Jahren.“ Eine spätere Rückkehr schloss sie allerdings nicht vollständig aus. Vorerst will sie sich auf ihre Aufgaben beim SC Bern konzentrieren.


Das Schweizer Olympia-Team beim Aufwärmen vor dem Gruppenspiel gegen Kanada. Die Aufnahme entstand am 7. Februar 2026 in der olympischen Eishockeyarena in Mailand.

Video: Alina Müller bleibt eine der prägenden Figuren der Frauen-Nati



Alina Müller gehört auch nach dem personellen Umbruch zu den wichtigsten Führungsspielerinnen der Schweizer Frauen-Nati. Im deutschsprachigen Video der Swiss Ice Hockey Federation tritt die zweifache Olympia-Bronzemedaillengewinnerin gemeinsam mit Nationalspieler Jonas Siegenthaler zu einer ungewöhnlichen Shootout-Challenge an. Das Video zeigt Müller abseits des grossen Wettkampfdrucks und passt damit gut zum Blick auf jene Spielerinnen, die den nächsten Abschnitt des Nationalteams prägen sollen.

Emotionaler Abschied von Lena-Marie Lutz

Bei Lena-Marie Lutz geht der Abschied noch weiter. Die Stürmerin beendet nicht nur ihre Nationalteam-Karriere, sondern zieht sich im Alter von 25 Jahren vollständig vom Eishockey zurück. In einer emotionalen Mitteilung erklärte sie, dass sie den grössten Abschnitt ihres bisherigen Lebens abschliessen müsse, um ihre Freude und sich selbst wiederzufinden.

Lutz nahm mit der Schweiz an drei Weltmeisterschaften und zwei Olympischen Spielen teil. Auf Klubebene stand sie unter anderem für Reinach, Thun, Lugano, Zug und zuletzt die HCAP Girls auf dem Eis. In ihrer letzten Saison erzielte sie 21 Tore in der Regular Season der PostFinance Women’s League und gehörte damit zu den auffälligsten Schweizer Offensivspielerinnen.

Auch Shannon Sigrist, Kaleigh Quennec und Lisa Rüedi bringen viel internationale Erfahrung mit. Sigrist bestritt bereits 2018 und 2022 Olympische Spiele und spielte zwischenzeitlich in der höchsten schwedischen Liga. Quennec verbrachte einen grossen Teil ihrer Laufbahn im nordamerikanischen College-Eishockey, während Rüedi mit den ZSC Lions mehrere Meistertitel und Cupsiege feierte.

Hinter einer langen Karriere im Spitzensport stehen nicht allein Wettkämpfe und Erfolge. Training, Reisen, Regeneration und die mentale Belastung bestimmen über Jahre hinweg einen beträchtlichen Teil des Alltags. Der Ratgeber über Regeneration im Profi- und Breitensport zeigt, warum Erholung im Leistungssport längst als fester Bestandteil der Leistungssteuerung gilt.

Sechster Rücktritt ausserhalb des Olympiakaders

Neben den fünf Bronzemedaillengewinnerinnen verlässt auch Stürmerin Emma Ingold das Nationalteam. Sie stand in Milano Cortina nicht im Schweizer Aufgebot. Insgesamt muss die neue Nationaltrainerin Shannon Miller somit künftig ohne sechs bisherige Nationalspielerinnen planen.

Der personelle Einschnitt fällt in eine Phase des sportlichen Aufbruchs. Miller übernahm die Mannschaft nach Olympia und nominierte für ihr erstes Turnier in Kloten 24 Spielerinnen. Lediglich 15 von ihnen hatten auch dem Bronzeteam von Mailand angehört.

Die ersten Auftritte unter der neuen Trainerin zeigen jedoch, dass weiterhin viel Qualität vorhanden ist. Zum Auftakt der Women’s Euro Hockey Tour bezwang die Schweiz Schweden mit 4:2. Danach folgte ein 4:3-Erfolg nach Verlängerung gegen Finnland.

Die Verantwortung verteilt sich künftig noch stärker auf die erfahrenen Führungsspielerinnen um Captain Lara Stalder, Alina Müller und Torhüterin Andrea Brändli. Gleichzeitig erhalten jüngere Kräfte und Spielerinnen aus dem erweiterten Nationalteam zusätzliche Möglichkeiten.


Hannah Estermann und Giulia Romerio im Schweizer Nationaldress beim Länderspiel gegen Deutschland am 23. April 2026. Der personelle Umbruch eröffnet weiteren Spielerinnen Chancen, sich im Nationalteam zu etablieren.

Der Neuaufbau verlangt zugleich intensive Vorbereitung abseits der grossen Turniere. Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Koordination werden im Eishockey bereits lange vor dem ersten Meisterschaftsspiel trainiert. Wie diese Grundlagen entstehen, erklärt der aktuelle Ratgeber zum Sommertraining und zur Saisonvorbereitung im Eishockey.



Eine Medaille als Schlusspunkt und ein Team im Umbruch

Der Gewinn der olympischen Bronzemedaille bleibt für die fünf zurückgetretenen Spielerinnen ein aussergewöhnlicher Schlusspunkt. Sie gehörten zu einer Mannschaft, die der Schweiz zwölf Jahre nach Sotschi wieder olympisches Edelmetall im Frauen-Eishockey bescherte.

Für das Nationalteam beginnt dagegen bereits der nächste Abschnitt. Sechs bisherige Nationalspielerinnen stehen nicht mehr zur Verfügung, eine neue Trainerin hat übernommen und weitere Spielerinnen rücken in verantwortungsvollere Rollen.

Die ersten Siege unter Shannon Miller zeigen, dass der Übergang nicht zwangsläufig mit einem sportlichen Rückschritt verbunden sein muss. Wie nachhaltig die neue Formation funktioniert, wird sich jedoch erst über die kommenden Turniere und bei der nächsten Weltmeisterschaft zeigen.

 

Bildquellen: Titelbild: Iaznavi78/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, unverändert; Bild 1: Iaznavi78/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, unverändert; Bild 2: Sandro Halank/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, unverändert