Ambrìs Schulden richtig einordnen

Beim HC Ambrì-Piotta sorgen Berichte über eine konsolidierte Verschuldung von gegen 30 Millionen Franken für Schlagzeilen. Die Summe ist ernst zu nehmen, sie darf aber nicht mit einem über Jahre angehäuften Verlust des Eishockeybetriebs gleichgesetzt werden: Ein grosser Teil hängt mit der Finanzierung der Gottardo Arena zusammen. Hinzu kommen noch Covid-Kredite und weitere Verpflichtungen.

Gerade die Finanzierung der 2021 eröffneten Gottardo Arena ist für die Einordnung zentral. Die Halle wird über die zur HCAP-Gruppe gehörende Valascia Immobiliare SA getragen, womit die langfristigen Infrastrukturverpflichtungen direkt in der konsolidierten Rechnung erscheinen. Viele andere National-League-Klubs spielen dagegen in Arenen, die Städten, Gemeinden oder externen Gesellschaften gehören.

Gleichzeitig hat in Ambrì eine neue Phase begonnen. Seit Februar führt Davide Mottis als Präsident den neu aufgestellten Verwaltungsrat, am 1. Oktober übernimmt Ivan Fanconi die operative Führung als CEO. Parallel dazu hat die junge Mannschaft mit drei Siegen aus den ersten vier Meisterschaftsspielen sportlich für neuen Rückenwind gesorgt.

Die Gesamtschuld erzählt nur einen Teil der Geschichte

Die wichtigste Frage lautet nicht nur, wie hoch die Verschuldung ist, sondern wie sie zusammengesetzt ist.

Ein wesentlicher Teil betrifft die Gottardo Arena. Der Neubau kostete rund 50 Millionen Franken und wird innerhalb der HCAP-Gruppe über die Valascia Immobiliare SA gehalten. Damit stehen den entsprechenden langfristigen Finanzierungen eine moderne Arena und damit ein realer Vermögenswert gegenüber.

Das bedeutet nicht, dass diese Schulden belanglos wären. Hypotheken und Darlehen müssen verzinst und zurückbezahlt werden. Für die wirtschaftliche Einordnung macht es aber einen erheblichen Unterschied, ob Schulden aus wiederkehrenden Verlusten des Spielbetriebs stammen oder mit einer eigenen Immobilie verbunden sind.

Genau deshalb sind direkte Vergleiche mit anderen National-League-Klubs schwierig. Wer seine Halle mietet, trägt deren Hypothek nicht in der eigenen konsolidierten Bilanz.

Auch der laufende Betrieb steht unter Druck

Die Arena erklärt jedoch nicht sämtliche finanziellen Herausforderungen.

Die HCAP SA schloss das Geschäftsjahr 2025/26 mit einem Verlust von 392’809 Franken ab. Im Vorjahr hatte das Minus 94’796 Franken betragen. Auf Gruppenebene resultierte ebenfalls ein negatives Jahresergebnis.

Gleichzeitig weist der Klub darauf hin, dass das operative Ergebnis vor Abschreibungen, Zinsen, Steuern und ausserordentlichen Positionen positiv war. Das zeigt, wo ein Teil der Belastung entsteht: Finanzierungskosten und Abschreibungen drücken erheblich auf das Resultat.

Die National-League-Spielberechtigung für 2026/27 erhielt Ambrì trotz eines «roten Punkts». Die finanzielle Lage wird deshalb auch von der Liga eng begleitet.

Covid-Kredite werden weiter zurückgeführt

Zur Verschuldung gehören zudem noch Covid-Kredite aus der Pandemiezeit.

Diese Verpflichtungen werden laufend zurückbezahlt und sind im Gegensatz zur langfristigen Arenafinanzierung zeitlich begrenzt. Auch dieser Unterschied ist für die Bewertung wichtig.

Covid-Kredite sind Altlasten einer aussergewöhnlichen Krisenperiode. Sie gehören zwar weiterhin auf die Passivseite der Bilanz, werden aber mit den vorgesehenen Rückzahlungen schrittweise verschwinden.

Damit setzt sich die heutige Verschuldung aus unterschiedlichen Elementen zusammen: langfristiger Immobilienfinanzierung, zeitlich begrenzten Pandemie-Krediten und weiteren betrieblichen Verpflichtungen.

Lombardi steht für die Ära des Stadionbaus

Die Gottardo Arena ist eng mit Filippo Lombardi verbunden.

Der langjährige Präsident setzte sich über Jahre intensiv für den Neubau ein. Für einen Klub aus der Leventina war ein Arena-Projekt dieser Grössenordnung ein aussergewöhnlicher Kraftakt.

Die alte Valascia konnte langfristig keine tragfähige Basis für modernes National-League-Eishockey mehr bieten. Ohne eine neue Halle wäre die Zukunft des Profiklubs am Standort Ambrì erheblich schwieriger geworden.

Lombardis Amtszeit steht deshalb wesentlich für jene Phase, in der die neue Infrastruktur realisiert und finanziert werden musste.

Heute liegt die Führung jedoch bei anderen Personen.

Davide Mottis führt die neue Phase

Seit dem 8. Februar 2026 ist Davide Mottis Präsident des Verwaltungsrats der HCAP SA. Zusammen mit Roberto Ballina und Angelo Geninazzi kam er neu in das Gremium; bestehende Mitglieder ergänzen den Verwaltungsrat weiterhin.

Mottis formulierte bei seinem Amtsantritt einen klaren Anspruch: Die Führung wolle transparent und konsequent handeln und eine nachhaltige Grundlage für die Zukunft des Klubs schaffen.

Diese neue Phase ist stärker auf Unternehmensführung, finanzielle Stabilisierung und professionelle Strukturen ausgerichtet.

Der Verwaltungsrat hat dazu in den vergangenen Monaten eine neue Unternehmensstrategie erarbeitet. Der Klub spricht selbst von einer tiefgreifenden strategischen Neuausrichtung mit dem Ziel, die gesamte HCAP-Gruppe finanziell zu stabilisieren.

Ivan Fanconi übernimmt am 1. Oktober

Ein wichtiger Baustein dieser Neuorganisation folgt am 1. Oktober.

Dann übernimmt Ivan Fanconi die Funktion des CEO. Er kommt vom HC Davos, wo er als CFO und COO tätig war.

Damit holt Ambrì gezielt zusätzliche Kompetenz in den Bereichen Finanzen, Organisation und operative Führung in die Leventina.

Auch der Finanzbereich soll weiterentwickelt werden. Kevin Brenna soll im Verlauf des Jahres 2027 schrittweise zusätzliche CFO-Aufgaben übernehmen.

Die Richtung ist damit klar: Der Klub will Verantwortung stärker institutionalisieren und seine Strukturen professioneller gestalten.

Eigenkapital wurde bereits gestärkt

Parallel arbeitet die neue Führung an der Kapitalbasis.

Am 31. März wurde das Aktienkapital von 5’602’675 Franken auf 5’912’762.50 Franken erhöht. Der gesamte Emissionspreis dieser ersten Etappe betrug 930’262.50 Franken.

Die Möglichkeit für weitere Kapitalmassnahmen wurde von den Aktionären bereits geschaffen. Ziel ist ausdrücklich, eine solidere Eigenkapitalbasis für Restrukturierung und finanzielle Stabilität aufzubauen.

Auch Gespräche mit Gläubigern und Banken gehörten in den vergangenen Monaten zu den zentralen Aufgaben des neuen Verwaltungsrats.

Der sportliche Start bringt neue Energie

Zur wirtschaftlichen Neuaufstellung kommt derzeit ein erfreulicher sportlicher Faktor.

Ambrì gewann drei seiner ersten vier Meisterschaftsspiele. Auf das 3:2 nach Penaltyschiessen in Ajoie folgte ein 6:3-Heimsieg gegen die Rapperswil-Jona Lakers. Nach dem 1:4 in Lausanne reagierte die Mannschaft mit einem 4:3-Auswärtssieg in Biel.

Gerade der Erfolg gegen die Lakers vor 6’181 Zuschauern in der Gottardo Arena zeigte, wie schnell in der Leventina wieder Euphorie entstehen kann.

Die Mannschaft wurde bewusst jünger ausgerichtet. Mehrere junge Spieler tragen bereits Verantwortung, und genau diese Mischung aus frischem sportlichem Ansatz und neuer Führung verleiht dem Klub derzeit eine andere Dynamik als noch vor wenigen Monaten.

Aufbruchstimmung ist spürbar – die Arbeit bleibt gross

Die positive Stimmung darf die finanziellen Herausforderungen nicht verdecken.

Sie ist für den Klub trotzdem wertvoll. Ein attraktives Team und eine gut gefüllte Arena stärken Ticketing, Gastronomie, Sponsoring, Hospitality und Merchandising. Genau diese Einnahmen werden benötigt, um die wirtschaftliche Basis nachhaltig zu verbessern.

Ambrì befindet sich deshalb in einer interessanten Übergangsphase: Der Klub trägt weiterhin erhebliche Verpflichtungen, gleichzeitig hat die neue Führung konkrete Restrukturierungsschritte eingeleitet und der sportliche Start schafft zusätzlichen Rückenwind.

Entscheidend wird sein, ob Mottis, Fanconi und die weiteren Verantwortlichen diese Dynamik nutzen können, um die HCAP-Gruppe Schritt für Schritt stabiler und professioneller aufzustellen.

🏆 WAS BEI AMBRÌ JETZT ENTSCHEIDEND IST

  • Die langfristige Arenafinanzierung muss tragfähig bleiben und darf die Liquidität des Spielbetriebs nicht übermässig belasten.
  • Die noch bestehenden Covid-Kredite werden weiter zurückgeführt und verschwinden damit schrittweise aus der Bilanz.
  • Mit Davide Mottis als Präsident und Ivan Fanconi als neuem CEO setzt Ambrì auf professionellere Unternehmensstrukturen und stärkere Finanzkompetenz.
  • Der gute Saisonstart der jungen Mannschaft schafft zusätzliche Euphorie und kann auch wirtschaftlich helfen, wenn Zuschauer, Sponsoren und Partner diesen Aufbruch mittragen.

 

Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Symbolbild – Titelbild – KI-generiert