Übergewicht bei Kindern: gesund begleiten, ohne Druck und Schuldgefühle
von belmedia Redaktion #Schweizweit Allgemein Alltag Beziehung Eltern elterntipps.ch Ernährung Erziehung Essen & Trinken Familie familie.ch Familienleben Gemüse Gesundheit Getränke Kochen und Backen Krankheiten Lifestyle Magazine Medizin Mütter nachrichtenticker.ch News Obst Prävention Regionen Schweiz Sport Themen Tipps Väter Vital xund24.ch Ⳇ Verbreitung
Wenn ein Kind deutlich zunimmt, reagieren Eltern häufig mit Sorge. Gleichzeitig ist das Thema heikel: Essen gehört zu Familie, Genuss und Gemeinschaft, während Gewicht eng mit Körperbild und Selbstwert verbunden ist. Vorschnelle Diäten, Kommentare über den Bauch oder ständige Kontrollen am Esstisch können deshalb mehr Schaden anrichten als helfen. Entscheidend ist zunächst eine fachliche Einschätzung. Kinder wachsen in Schüben, Körperformen verändern sich mit Alter und Pubertät, und ein einzelner Blick auf die Waage sagt wenig darüber aus, ob tatsächlich ein gesundheitlich relevantes Übergewicht vorliegt.
Übergewicht und insbesondere Adipositas im Kindesalter entstehen zudem selten aus einer einzigen Ursache. Veranlagung, Appetitregulation, Schlaf, Bewegung, familiäre Gewohnheiten, psychische Belastungen, Medikamente, die Verfügbarkeit von Lebensmitteln und soziale Lebensbedingungen können zusammenspielen. Gute Unterstützung setzt deshalb nicht bei Schuld an, sondern beim Alltag der ganzen Familie. Regelmässige Mahlzeiten, Wasser statt häufige Süssgetränke, Bewegung, die Freude macht, genügend Schlaf und ein respektvoller Umgang mit dem eigenen Körper sind langfristig hilfreicher als Verbote und kurzfristige Abnehmprogramme.
Übergewicht ist bei Kindern nicht einfach eine Zahl auf der Waage
Bei Erwachsenen wird häufig der Body-Mass-Index, kurz BMI, verwendet. Er setzt das Körpergewicht ins Verhältnis zur Körpergrösse.
Bei Kindern funktioniert die Beurteilung jedoch anders. Ein siebenjähriges Kind befindet sich in einer anderen Entwicklungsphase als ein zwölfjähriges, und während der Pubertät verändern sich Körperzusammensetzung und Wachstum erneut.
Deshalb wird der BMI bei Kindern und Jugendlichen anhand alters- und geschlechtsspezifischer Wachstumskurven beziehungsweise BMI-Perzentilen beurteilt.
Seit Juni 2026 empfiehlt pädiatrie schweiz neue nationale Wachstumskurven für Kinder und Jugendliche in der Schweiz. Sie beruhen erstmals auf breit abgestützten Schweizer Referenzdaten.
Eine einzelne Messung ist trotzdem nur ein Teil der Beurteilung. Kinderärzte betrachten insbesondere den Verlauf: Wie haben sich Grösse und Gewicht über Monate oder Jahre entwickelt? Verläuft die Kurve kontinuierlich oder steigt der BMI ungewöhnlich rasch an?
Gerade eine deutliche Veränderung der bisherigen Wachstumslinie kann wichtiger sein als eine einzelne Zahl.
Übergewicht und Adipositas sind nicht dasselbe
Im Alltag werden verschiedene Begriffe oft vermischt.
Übergewicht beschreibt einen Gewichtsbereich oberhalb der empfohlenen Referenz. Adipositas geht darüber hinaus und wird medizinisch als chronische Erkrankung verstanden.
Auch dabei gilt: Ein Kind wird nicht allein aufgrund seines Aussehens diagnostiziert.
Bei einer fachlichen Abklärung können neben Gewicht und Grösse weitere Faktoren berücksichtigt werden, beispielsweise:
- die Entwicklung der BMI-Perzentile
- Taillenumfang und Körperproportionen
- familiäre Vorgeschichte
- Blutdruck
- körperliche Beschwerden
- Schlaf und mögliche Atemprobleme
- psychisches Wohlbefinden
- Ess- und Bewegungsverhalten
- gegebenenfalls Laborwerte
Das Ziel ist nicht, möglichst schnell ein Etikett zu vergeben. Es geht darum zu erkennen, ob Handlungsbedarf besteht und welche Unterstützung tatsächlich sinnvoll ist.
Wie häufig ist Übergewicht bei Schweizer Kindern?
Aktuelle Schweizer Daten zeigen ein differenziertes Bild.
Die erste nationale Ernährungserhebung menuCH-Kids untersuchte 2023 und 2024 insgesamt 1’852 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 17 Jahren aus allen drei grossen Sprachregionen. Rund 13 Prozent waren übergewichtig oder von Adipositas betroffen.
Andere Erhebungen betrachten andere Altersgruppen oder Regionen und kommen deshalb auf leicht unterschiedliche Werte.
Das langjährige BMI-Monitoring von Gesundheitsförderung Schweiz in Basel, Bern und Zürich zeigt gleichzeitig eine erfreuliche Entwicklung. Über rund zwei Jahrzehnte sank dort der Anteil übergewichtiger und adipöser Schulkinder von ungefähr 20 Prozent auf zuletzt 15,5 Prozent.
Der ausführliche belmedia-Beitrag „20 Jahre BMI-Monitoring: Weniger Übergewicht bei Kindern in der Schweiz“ ordnet diese langfristige Entwicklung ein.
Trotz des Rückgangs bleibt Übergewicht gesundheitlich relevant. Gleichzeitig wäre es falsch, daraus abzuleiten, dass jedes schwerere Kind automatisch krank ist.
Warum nehmen manche Kinder stärker zu als andere?
Die einfache Erklärung „zu viel gegessen, zu wenig bewegt“ greift zu kurz.
Adipositas ist eine komplexe Erkrankung. Das Körpergewicht wird von zahlreichen biologischen und äusseren Faktoren beeinflusst.
Dazu gehören genetische Voraussetzungen. Manche Menschen reagieren stärker auf energiereiche Lebensmittel, erleben Hunger und Sättigung anders oder nehmen unter vergleichbaren Lebensbedingungen leichter zu.
Auch das soziale Umfeld spielt eine Rolle. Familien unterscheiden sich hinsichtlich Arbeitszeiten, Einkommen, Wohnumgebung und verfügbaren Freizeitangeboten. Ein Kind, das einen sicheren Schulweg zu Fuss zurücklegen und nachmittags draussen spielen kann, hat andere Möglichkeiten als ein Kind in einer Umgebung mit starkem Verkehr und wenig frei zugänglichen Bewegungsräumen.
Hinzu kommen psychische Faktoren. Stress, Ängste oder depressive Beschwerden können Ess- und Bewegungsverhalten beeinflussen.
Bestimmte Krankheiten oder Medikamente können ebenfalls zu einer deutlichen Gewichtszunahme beitragen. Solche Ursachen sind insgesamt seltener, gehören aber zu einer sorgfältigen medizinischen Beurteilung.
Soziale Lebensbedingungen wirken mit
Das Schweizer BMI-Monitoring zeigt seit Jahren einen deutlichen Zusammenhang mit der sozialen Herkunft.
In der aktuellen erweiterten Auswertung waren Kinder von Eltern ohne nachobligatorische Ausbildung mehr als dreimal so häufig von Übergewicht oder Adipositas betroffen wie Kinder von Eltern mit einem Abschluss auf Tertiärstufe.
Das ist kein Beweis dafür, dass einzelne Eltern „schlechter“ auf Ernährung achten.
Gesundheit wird auch von Rahmenbedingungen geprägt: Einkommen, Bildung, Arbeitszeiten, Wohnsituation, Zugang zu Sportangeboten und die Lebensmittelumgebung beeinflussen den Alltag.
Prävention funktioniert deshalb besser, wenn sie Familien unterstützt, statt ihnen persönliche Schuld zuzuschreiben.
Gewichtsstigmatisierung kann Kinder zusätzlich belasten
Ein Kind mit Übergewicht weiss häufig längst, dass sein Körper auffällt.
Kommentare kommen von Klassenkameraden, Geschwistern, Verwandten oder manchmal sogar Erwachsenen.
„Du solltest weniger essen.“
„Du bist aber ganz schön kräftig geworden.“
„Brauchst du wirklich noch eine Portion?“
Solche Sätze wirken möglicherweise harmlos. Für ein Kind können sie jedoch lange nachhallen.
Die Schweizer Fachliteratur zur pädiatrischen Adipositas warnt ausdrücklich vor Gewichtsstigmatisierung. Hänseleien, Beschämung und Schuldzuweisungen können den Selbstwert beeinträchtigen, psychische Belastungen verstärken und sogar die Bereitschaft reduzieren, medizinische Unterstützung anzunehmen.
Besonders problematisch ist, wenn ein Kind den Eindruck bekommt, sein Wert innerhalb der Familie hänge von einer Zahl auf der Waage ab.
Wie Eltern über das Thema sprechen können
Wenn eine medizinische Abklärung sinnvoll erscheint, muss daraus kein grosses „Gewichtsgespräch“ am Küchentisch werden.
Stattdessen kann Gesundheit im Mittelpunkt stehen.
Hilfreich können beispielsweise Sätze sein wie:
- „Beim nächsten Termin schauen wir gemeinsam mit dem Kinderarzt, wie du wächst und ob alles gut zu deiner Entwicklung passt.“
- „Uns geht es darum, dass du dich wohlfühlst und gesund gross wirst.“
- „Wir schauen als Familie, was uns allen im Alltag guttut.“
- „Essen soll weiterhin schmecken und Spass machen.“
- „Es geht nicht darum, wie dein Körper aussieht.“
Weniger hilfreich sind Drohungen oder Beschämungen:
- „Wenn du so weiterisst, wirst du immer dicker.“
- „Ab morgen gibt es für dich keine Süssigkeiten mehr.“
- „Schau mal, wie schlank deine Schwester ist.“
- „Du musst endlich abnehmen.“
Ein Kind sollte auch nicht ständig gefragt werden, ob es „wirklich noch Hunger“ hat, während alle anderen Familienmitglieder selbstverständlich weiteressen dürfen.
Die ganze Familie statt das einzelne Kind verändern
Ein besonders ungünstiges Szenario entsteht, wenn ein Kind plötzlich eine Sonderrolle bekommt.
Auf dem Tisch steht für alle Pasta, während das Kind mit Übergewicht einen kleinen Salat erhält.
Die Geschwister trinken Eistee, das betroffene Kind bekommt Wasser.
Alle dürfen ein Dessert essen, nur eines nicht.
Damit wird jede Mahlzeit zur sichtbaren Erinnerung: Mit meinem Körper stimmt etwas nicht.
Familienorientierte Ansätze funktionieren anders. Veränderungen gelten möglichst für alle.
Wenn häufiger Wasser auf den Tisch kommt, trinken alle Wasser. Wenn Gemüse zu Mahlzeiten selbstverständlich dazugehört, gilt das für die ganze Familie. Wenn am Wochenende ein Spaziergang, eine Velotour oder ein Schwimmbadbesuch geplant wird, ist das gemeinsame Freizeit und keine Therapie für ein bestimmtes Kind.
Beim Essen helfen Strukturen mehr als Verbote
Eine ausgewogene Ernährung bedeutet im Kindesalter keine Diät.
Kinder wachsen und benötigen Energie, Eiweiss, Fett, Kohlenhydrate, Vitamine und Mineralstoffe. Eine eigenmächtige starke Kalorienreduktion oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen kann deshalb problematisch sein.
Bewährt sind vielmehr klare Alltagsstrukturen.
Dazu gehören:
- regelmässige Hauptmahlzeiten
- bei Bedarf sinnvolle Zwischenmahlzeiten
- Wasser als alltägliches Hauptgetränk
- regelmässig Gemüse und Früchte
- abwechslungsreiche Stärke- und Proteinquellen
- Süssigkeiten und Snacks bewusst statt ständig nebenbei
- Mahlzeiten möglichst ohne dauernde Bildschirmablenkung
Die Schweizer Ernährungsscheibe für Kinder zwischen etwa 4 und 12 Jahren fasst ähnliche Grundprinzipien zusammen: Wasser trinken, Früchte und Gemüse essen, regelmässig essen, Lebensmittel abwechslungsreich auswählen und beim Essen den Bildschirm ausschalten.
Süssgetränke verdienen besondere Aufmerksamkeit
Getränke werden beim Thema Ernährung leicht unterschätzt.
Süssgetränke liefern Energie, sättigen aber häufig weniger als feste Lebensmittel. Dazu gehören beispielsweise Limonaden, gesüsster Eistee und verschiedene andere zuckerhaltige Getränke.
Die aktuelle Schweizer Ernährungserhebung menuCH-Kids zeigt, dass Snacks und Süssgetränke für viele Kinder und Jugendliche zum Alltag gehören.
Ein praktikabler Familienstandard lautet deshalb: Wasser ist das normale Getränk.
Das bedeutet nicht, dass ein Glas Süssgetränk bei einem Fest verboten werden muss. Entscheidend ist die Häufigkeit im Alltag.
Auch Fruchtsäfte sind nicht mit ganzen Früchten gleichzusetzen. Sie enthalten zwar Bestandteile aus Früchten, liefern aber ebenfalls relativ konzentriert Zucker und werden schnell getrunken.
Keine Lebensmittel zu moralischen Kategorien machen
Auch die Sprache rund ums Essen prägt Kinder.
„Gute“ Lebensmittel gegen „schlechte“ Lebensmittel auszuspielen, kann langfristig ein angespanntes Verhältnis zum Essen fördern.
Eine Schokolade ist kein moralisches Versagen.
Gemüse ist keine Strafe.
Pommes müssen nicht „verdient“ werden, indem vorher Sport gemacht wurde.
Hilfreicher ist ein realistischer Alltag, in dem Lebensmittel unterschiedliche Rollen haben. Wasser eignet sich als tägliches Getränk. Gemüse und Früchte gehören regelmässig auf den Speiseplan. Süssigkeiten können Teil des Genusses sein, ohne ständig verfügbar sein zu müssen.
Kinder lernen damit nicht Verzicht, sondern Normalität.
Hunger und Sättigung nicht verlernen
Eltern bestimmen im Alltag weitgehend, welche Lebensmittel verfügbar sind und wann gegessen wird. Kinder besitzen gleichzeitig eigene Hunger- und Sättigungssignale.
Dauernder Druck kann diese Wahrnehmung erschweren.
Sätze wie „Der Teller wird leer gegessen“ oder „Noch drei Löffel, dann gibt es Dessert“ lenken die Aufmerksamkeit weg vom eigenen Sättigungsgefühl.
Eine entspannte Tischatmosphäre unterstützt Kinder dabei, Essen wahrzunehmen und eigene Signale besser einzuordnen.
Das bedeutet nicht, dass Kinder jederzeit alles essen müssen, was sie möchten. Eltern geben weiterhin Struktur und Angebot vor. Kontrolle und Zwang sind dafür jedoch nicht erforderlich.
Gemeinsam kochen verändert die Rolle von Lebensmitteln
Kinder, die bei der Zubereitung beteiligt werden, erleben Lebensmittel anders.
Gemüse wird gewaschen und geschnitten, Teig geknetet, eine Sauce abgeschmeckt oder ein Salat zusammengestellt. Dadurch wird Essen weniger zu einem abstrakten Gesundheitsthema und mehr zu einer alltäglichen Fähigkeit.
Auch kleine Aufgaben reichen.
Ein jüngeres Kind kann Zutaten bringen oder Gemüse waschen. Ältere Kinder können Rezepte auswählen, schneiden und einfache Gerichte selbst zubereiten.
Das Ziel lautet nicht, jedes Essen ernährungsphysiologisch zu perfektionieren. Es geht um Kompetenz, Neugier und einen entspannten Umgang mit Essen.
Bewegung ist mehr als Sporttraining
Beim Thema Übergewicht fällt schnell der Satz: „Das Kind muss mehr Sport machen.“
Doch Bewegung ist wesentlich breiter.
Zur körperlichen Aktivität gehören:
- zu Fuss zur Schule gehen
- Velofahren
- auf dem Spielplatz klettern
- Fangis spielen
- schwimmen
- tanzen
- Fussball oder Basketball spielen
- wandern
- Schlitteln
- Turnverein und andere Sportangebote
Für Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 17 Jahren empfehlen die Schweizer Bewegungsempfehlungen im Durchschnitt über die Woche mindestens 60 Minuten körperliche Aktivität mit mittlerer bis hoher Intensität pro Tag. Dazu sollen regelmässig Aktivitäten kommen, die Muskeln und Knochen kräftigen.
Die Zahl ist eine Orientierung und kein Grund für tägliche Kontrollen mit der Stoppuhr.
Bewegung muss zum Kind passen
Ein Kind, das beim Fussball regelmässig als Letztes gewählt wird, wird durch die Forderung „Geh doch mehr Fussball spielen“ kaum motivierter.
Vielleicht liebt dasselbe Kind Schwimmen.
Oder Tanzen, Kampfsport, Reiten, Velofahren, Klettern oder Spaziergänge mit dem Hund.
Die beste Bewegungsform ist langfristig häufig diejenige, die tatsächlich Freude macht.
Gerade Kinder mit höherem Gewicht können bei bestimmten Sportarten zudem unangenehme Erfahrungen gemacht haben. Hänseleien in der Garderobe, schlecht passende Sportkleidung oder das Gefühl, ständig mit schnelleren Mitschülern verglichen zu werden, können Bewegung negativ besetzen.
Umso wichtiger sind positive Erfahrungen ohne Leistungsdruck.
Bildschirmzeit und Bewegung hängen zusammen, aber nicht simpel
Smartphone, Tablet und Gaming werden beim Thema Übergewicht häufig schnell zum Hauptproblem erklärt.
So einfach ist der Zusammenhang nicht.
Digitale Medien gehören zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Entscheidend ist unter anderem, ob lange Sitzzeiten andere Aktivitäten verdrängen.
Langes Sitzen sollte regelmässig unterbrochen werden. Gleichzeitig ist es sinnvoll, Mahlzeiten nicht dauerhaft mit Videos, Spielen oder Social Media zu verbinden.
Dabei hilft ein Familienstandard mehr als ein Verbot für das Kind mit Übergewicht.
Wenn beim Abendessen alle Smartphones weggelegt werden, entsteht keine Sonderregel.
Schlaf gehört ebenfalls zum Gesamtbild
Schlaf wird beim Körpergewicht leicht vergessen.
Kinder und Jugendliche benötigen ausreichend Erholung für Wachstum, Lernen, Stimmung und körperliche Regulation. Chronischer Schlafmangel kann zudem Appetit, Aktivität und Stoffwechsel beeinflussen.
Besonders wichtig wird eine ärztliche Abklärung, wenn ein Kind stark schnarcht, Atempausen im Schlaf auffallen oder es trotz ausreichender Schlafdauer tagsüber ungewöhnlich müde ist.
Schlafbezogene Atemstörungen können bei Adipositas häufiger auftreten.
Regelmässige Schlafzeiten, ein ruhiger Abend und weniger Bildschirmaktivität unmittelbar vor dem Einschlafen können den Alltag verbessern, ersetzen aber keine medizinische Untersuchung bei auffälligen Beschwerden.
Wann der Kinderarzt einbezogen werden sollte
Bei deutlicher oder rascher Gewichtszunahme ist die Kinderarztpraxis ein sinnvoller erster Ansprechpartner.
Besonders wichtig ist eine Abklärung, wenn:
- das Gewicht innerhalb relativ kurzer Zeit stark zunimmt
- die Wachstumskurve deutlich von der bisherigen Entwicklung abweicht
- starkes Schnarchen oder Atempausen auftreten
- Bewegung Schmerzen verursacht
- sehr starker Hunger oder ungewöhnliches Essverhalten auffällt
- die Gewichtszunahme bereits im sehr frühen Kindesalter ausgeprägt beginnt
- gleichzeitig das Längenwachstum auffällig ist
- psychische Belastungen, Rückzug oder Mobbing auftreten
- ein Kind aus Angst vor Gewichtszunahme Mahlzeiten auslässt
Der Arzt kann beurteilen, ob zunächst Beobachtung und alltagstaugliche Veränderungen ausreichen oder weitere Untersuchungen sinnvoll sind.
Medizinische Behandlung bedeutet nicht automatisch Abnehmen
Bei einem wachsenden Kind kann das therapeutische Ziel anders aussehen als bei einem Erwachsenen.
Manchmal steht keine unmittelbare Gewichtsabnahme im Vordergrund. Wenn das Gewicht über einen längeren Zeitraum ungefähr stabil bleibt, während das Kind weiter in die Länge wächst, kann sich das Verhältnis bereits günstig verändern.
Das konkrete Ziel hängt von Alter, Entwicklungsphase, Ausmass des Übergewichts und möglichen Begleiterkrankungen ab.
Deshalb gehören feste Zielgewichte bei Kindern nicht in Eigenregie festgelegt.
Bei Adipositas arbeitet häufig ein ganzes Team zusammen
Die Behandlung einer Adipositas beschränkt sich nicht auf einen Ernährungsplan.
In der Schweiz stehen für Kinder und Jugendliche strukturierte multiprofessionelle Therapien zur Verfügung. Je nach Situation können Kinderärzte, Ernährungsberater, Physiotherapeuten, Psychologen und weitere Fachpersonen beteiligt sein.
Die Betreuung berücksichtigt Ernährung und Bewegung ebenso wie familiäre Gewohnheiten, psychisches Wohlbefinden und mögliche Begleiterkrankungen.
Bei stärkerer Adipositas oder gesundheitlichen Komplikationen kann eine spezialisierte pädiatrische Adipositassprechstunde sinnvoll sein.
Der belmedia-Beitrag über das HIPFIT-Camp für Jugendliche mit Übergewicht zeigt einen solchen umfassenden Ansatz: Bewegung, Ernährung, Körperwahrnehmung, gemeinsames Kochen und Selbstvertrauen werden miteinander verbunden.
Medikamente sind kein Ersatz für eine umfassende Betreuung
Bei Jugendlichen mit schwerer Adipositas können unter klar definierten Voraussetzungen inzwischen auch Medikamente Teil einer Behandlung sein.
Das ist keine unkomplizierte Abkürzung und kein Thema für Selbstmedikation.
Solche Therapien gehören in die Hände entsprechend qualifizierter Spezialisten und werden in eine umfassende Behandlung eingebettet. Vor Beginn müssen Nutzen, mögliche Nebenwirkungen, Begleiterkrankungen und die langfristige Betreuung sorgfältig besprochen werden.
Bei bestimmten schweren Verläufen kommen in spezialisierten Zentren weitere Behandlungsmöglichkeiten bis hin zur bariatrischen Chirurgie infrage. Solche Eingriffe betreffen ausgewählte Jugendliche mit schwerer Adipositas und verlangen eine multiprofessionelle Beurteilung sowie langfristige Nachsorge.
Für die grosse Mehrheit der Kinder mit erhöhtem Gewicht stehen zunächst familienorientierte Veränderungen und fachliche Begleitung im Vordergrund.
Crash-Diäten gehören nicht ins Kinderzimmer
Was bei Erwachsenen bereits problematisch sein kann, ist bei Kindern besonders ungeeignet.
Radikale Diäten können dazu führen, dass wichtige Nährstoffe fehlen. Gleichzeitig fördern starre Verbote bei manchen Kindern ein Schwarz-Weiss-Denken rund ums Essen.
Problematisch sind unter anderem:
- Fastenkuren ohne medizinische Begleitung
- extrem kalorienreduzierte Diäten
- das vollständige Streichen ganzer Lebensmittelgruppen ohne medizinischen Grund
- Abnehmshakes als Mahlzeitenersatz in Eigenregie
- Nahrungsergänzungsmittel mit angeblicher Fettverbrennung
- Abnehmmedikamente ohne ärztliche Verschreibung
Ein Kind befindet sich in körperlicher und geistiger Entwicklung. Gewichtsmanagement muss deshalb immer mit Wachstum und Nährstoffversorgung vereinbar sein.
Auch vermeintlich gesundes Verhalten kann kippen
Nicht jede starke Beschäftigung mit Ernährung ist gesund.
Wenn Jugendliche plötzlich ganze Lebensmittelgruppen meiden, Mahlzeiten auslassen, Kalorien zwanghaft zählen oder nach dem Essen Schuldgefühle entwickeln, kann sich ein gestörtes Essverhalten entwickeln.
Dasselbe gilt, wenn Bewegung plötzlich nicht mehr Freude macht, sondern dazu dient, jedes Essen „abzutrainieren“.
Eltern sollten dann nicht denken: „Wenigstens nimmt das Kind jetzt ab.“
Auch Unterversorgung und Essstörungen können ernsthafte gesundheitliche Folgen haben.
Bei entsprechenden Veränderungen ist eine fachliche Abklärung wichtig.
Wasser als einfache Veränderung im Alltag
Nicht jede Verbesserung muss kompliziert sein.
Wasser als Standardgetränk gehört zu den Veränderungen, die sich ohne Kalorienzählen umsetzen lassen.
Dazu kann morgens eine gefüllte Trinkflasche gehören, Wasser auf dem Esstisch oder ein Glas nach dem Sport.
Süssgetränke müssen dadurch nicht zu verbotenen Produkten werden. Sie verlieren lediglich ihre Rolle als alltäglicher Durstlöscher.
Schule, Betreuung und Freizeitangebote gehören zur Lösung
Kinder verbringen einen grossen Teil ihres Tages ausserhalb der Familie.
Damit beeinflussen auch Schulen, Tagesstrukturen und Freizeitangebote den Alltag. Bewegte Pausen, attraktive Sportmöglichkeiten, ausgewogene Mittagsangebote und kostenlos verfügbares Trinkwasser können gesundheitsfördernde Gewohnheiten erleichtern.
Dasselbe gilt für sichere Wege.
Wenn Kinder selbständig zu Fuss oder mit dem Velo zur Schule gelangen können, wird Bewegung Teil des Tages und muss nicht erst als zusätzliche Sporteinheit organisiert werden.
Gesundheitsförderung bei Kindern ist deshalb immer auch eine Frage der Umgebung.
Mobbing wegen des Gewichts muss ernst genommen werden
Kinder mit Übergewicht erleben überdurchschnittlich häufig Hänseleien und Abwertung.
Das kann in der Schule, im Sportverein, online oder innerhalb der Familie passieren.
Gewichtsbezogenes Mobbing darf nicht als Motivation zum Abnehmen missverstanden werden. Die Forschung zeigt vielmehr, dass Stigmatisierung mit geringerem Selbstwert, psychischer Belastung und ungünstigeren Gesundheitsverläufen verbunden sein kann.
Wenn ein Kind wegen seines Körpers beschimpft wird, lautet die richtige Botschaft nicht:
„Dann zeigen wir denen, dass du abnehmen kannst.“
Sondern:
„Niemand darf dich wegen deines Körpers fertigmachen.“
Das Gewichtsproblem und das Mobbing sind zwei verschiedene Themen. Ein Kind hat auch dann Anspruch auf Respekt und Schutz, wenn aus medizinischer Sicht eine Gewichtsveränderung sinnvoll wäre.
Video: Warum Übergewicht bei Kindern mehr als eine Frage des Essens ist
Realistische Familienziele funktionieren besser
„Ab morgen leben alle gesund“ hält selten lange.
Praktischer sind kleine, konkrete Veränderungen.
Eine Familie könnte beispielsweise zunächst:
- unter der Woche Wasser zum Abendessen trinken
- zweimal pro Woche gemeinsam kochen
- am Wochenende eine aktive Unternehmung einplanen
- den Schulweg soweit möglich zu Fuss zurücklegen
- beim Essen Smartphones weglegen
- eine regelmässige Schlafenszeit etablieren
Nicht alles muss gleichzeitig verändert werden.
Gerade bei lange eingespielten Gewohnheiten sind kleine Schritte realistischer als ein vollständiger Neustart.
Fortschritt lässt sich nicht nur auf der Waage messen
Gewichtsveränderung ist nur ein mögliches Ergebnis einer Behandlung.
Ebenso wichtig können sein:
- mehr Ausdauer beim Spielen
- weniger Atemnot bei Belastung
- besserer Schlaf
- mehr Freude an Bewegung
- regelmässigere Mahlzeiten
- weniger Süssgetränke
- bessere Blutdruck- oder Laborwerte
- mehr Selbstvertrauen
- weniger Konflikte rund ums Essen
Diese Ziele nehmen Gesundheit ernst, ohne den gesamten Alltag um Kilogramm kreisen zu lassen.
Eltern dürfen ebenfalls Unterstützung brauchen
Die Begleitung eines Kindes mit deutlichem Übergewicht kann Eltern belasten.
Vielleicht entstehen Schuldgefühle: „Haben wir falsch gekocht?“
Vielleicht streiten Eltern darüber, wie streng sie sein sollen.
Oder ein Elternteil kennt die eigenen schwierigen Erfahrungen mit Diäten und möchte sie dem Kind unbedingt ersparen.
Solche Fragen können in einer Ernährungsberatung, Kinderarztpraxis oder spezialisierten Adipositassprechstunde besprochen werden.
Auch Eltern müssen das Thema nicht perfekt lösen.
Wichtig ist vielmehr eine Haltung, die Gesundheit fördert, ohne den Körper des Kindes zum täglichen Familienprojekt zu machen.
Gesundheit unterstützen, ohne das Kind auf sein Gewicht zu reduzieren
Übergewicht bei Kindern verlangt Aufmerksamkeit, aber keine Panik.
Ein höheres Körpergewicht allein sagt noch nicht genug aus. Wachstum, Alter, Entwicklung und der langfristige Verlauf müssen gemeinsam betrachtet werden. Eine fachliche Beurteilung durch den Kinderarzt schafft Klarheit und verhindert unnötige Diäten ebenso wie das Übersehen einer behandlungsbedürftigen Adipositas.
Wenn Veränderungen sinnvoll sind, betrifft die Verantwortung nicht allein das Kind.
Eltern gestalten Einkauf, Mahlzeiten und Freizeit mit. Schulen schaffen Bewegungsräume und Verpflegungsangebote. Gemeinden beeinflussen, ob Kinder sicher zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs sein können. Medizinische Fachpersonen unterstützen bei gesundheitlichen Risiken und komplexeren Verläufen.
Im Familienalltag helfen meist unspektakuläre Dinge: Wasser als normales Getränk, regelmässige Mahlzeiten, abwechslungsreiches Essen, gemeinsam kochen, genügend Schlaf und Bewegung, die tatsächlich Freude macht.
Mindestens ebenso wichtig ist die Sprache.
Ein Kind sollte nicht jeden Bissen mit der Angst verbinden, „zu dick“ zu werden. Es sollte nicht mit Geschwistern verglichen und nicht vor anderen gewogen oder beschämt werden.
Gesundheitsförderung bedeutet auch, das Körpergefühl und den Selbstwert zu schützen.
Das Ziel ist deshalb grösser als eine Zahl auf der Waage: Ein Kind soll gesund wachsen, sich gern bewegen, Essen geniessen können und erleben, dass sein Körper weder eine Schuld noch ein Grund für Beschämung ist.
Bildquellen: Titelbild: Adobe Stock/alfa27; Bild 1: Adobe Stock/Jacob Lund; Bild 2: Adobe Stock/uwimages; Bild 3: Adobe Stock/Robert Kneschke; Bild 4: Adobe Stock/JenkoAtaman